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Mittelstand zeigt kaum Interesse an Familien-Pflegezeit

Die neue Familien-Pflegezeit findet im Mittelstand kaum Anklang. Das Gesetz bürde gerade Kleinunternehmen erheblichen organisatorischen Aufwand auf, sagte der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven. Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat auch bisher schon jeder dritte Betrieb Auszeiten zur Pflege ermöglicht.

Berlin > Die neue Familien-Pflegezeit findet im Mittelstand kaum Anklang. „Bisher haben nur sehr wenige Klein- und Mittelbetriebe Interesse am neuen Familienpflegezeitgesetz bekundet“, sagte der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, in Berlin der Nachrichtenagentur AFP. Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat auch bisher schon jeder dritte Betrieb Auszeiten zur Pflege ermöglicht.

Zum Jahreswechsel trat das erneuerte Gesetz zur Familien-Pflegezeit in Kraft. Die Zurückhaltung der mittelständischen Unternehmen gegenüber den Regelungen sei „nicht verwunderlich“, sagte Ohoven. „Die gesetzliche Regelung geht an der betrieblichen Wirklichkeit im Mittelstand vorbei“, kritisierte der Verbandspräsident.

Seit diesem Jahr können Beschäftigte für maximal zwei Jahre ihre Arbeitszeit reduzieren, um nahe Angehörige zu pflegen. Um in dieser Zeit finanziell abgesichert zu sein, erhalten sie von ihrem Arbeitgeber eine höhere Vergütung, als ihnen aufgrund ihrer geleisteten Arbeitsstunden eigentlich zustünde. Nach Ende der Pflegezeit müssen die Betroffenen dafür so lange zu geringeren Bezügen arbeiten, bis das Zeitkonto wieder ausgeglichen ist. Der Arbeitgeber kann seinen finanziellen Ausfall während der Pflegezeit über ein zinsloses staatliches Darlehen decken, das er nach der Pflegezeit wieder zurückzahlt.

Das Gesetz bürde gerade Kleinunternehmen erheblichen organisatorischen Aufwand auf und berge außerdem finanzielle Risiken, da die Arbeitgeber die Pflegephase eines Mitarbeiters vorfinanzieren müssen, kritisierte Ohoven. „Für Großunternehmen und Konzerne stellt das sicherlich kein Problem dar, für Mittelständler bedeutet das aber eine zusätzliche Belastung.“ Sein Verband plädiere deshalb „für Regelungen auf betrieblicher Ebene“.

Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Achim Dercks, verwies darauf, dass ein Drittel der Unternehmen seiner Belegschaft schon bisher flexible Auszeiten zur Pflege von Angehörigen ermöglicht habe. Die neue Familien-Pflegezeit sei „ein zusätzliches Angebot“. Standardlösungen gebe es in diesem Bereich aber nicht. „Es wird in den Folgejahren viel darauf ankommen, dass die Unternehmen untereinander von guten Beispielen lernen“, sagte Dercks.

In der vergangenen Woche hatten erste Unternehmen angekündigt, vorangehen zu wollen. So kündigten beispielsweise die Deutsche Telekom und die staatliche Förderbank KfW an, ihren Beschäftigten die Möglichkeit zur Familien-Pflegezeit zu eröffnen.

Aktuell werden mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland durch Angehörige und ambulante Dienste zu Hause versorgt. Einen Rechtsanspruch auf die neue Familienpflegezeit gibt es nicht.