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Brasilianische Häftlinge bauen Stadien für Weltmeisterschaft 2014

Rund 1500 Arbeiter renovieren im südostbrasilianischen Belo Horizonte das alte Mineirao-Stadion, wo 2014 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden sollen – darunter 16 verurteilte Straftäter. Beim Bau der Stadien für die kommende Fußballweltmeisterschaft sollen insgesamt fünf Prozent der Arbeiter aus dem Gefängnis kommen.

Von Anella Reta

Belo Horizonte (afp) – Unter den hunderten Arbeitern auf der Baustelle fällt Thiago Elias Ferreira kaum auf. Er ist schlank, trägt lässig eine Schirmmütze auf dem Kopf, und die leuchtend gelbe Arbeitskleidung hebt sich von seinem sonnenverbrannten Gesicht ab. Rund 1500 Arbeiter renovieren im südostbrasilianischen Belo Horizonte das alte Mineirao-Stadion, wo 2014 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden sollen. Ferreira aber baut nicht nur am Stadion, sondern auch an seiner eigenen Zukunft. Er ist Häftling und kann durch die Arbeit auf der Baustelle seine Strafe verkürzen.

„Mein Leben hat eine neue Richtung genommen“, sagt Ferreira zufrieden. Früher war er Drogendealer, jetzt ist er für die Werkzeuge auf dem Bau zuständig. In einem Lagerraum sammelt er sie in Regalen und führt akribisch Buch über die ausgegebenen Geräte. Dafür bekommt er 600 Real, umgerechnet etwa 250 Euro, im Monat – das ist etwas mehr als der Durchschnittslohn. Vor allem aber wird ihm für drei Arbeitstage auf der Baustelle ein Tag seiner Haftstrafe erlassen.

Insgesamt 16 verurteilte Straftäter arbeiten auf der riesigen Baustelle im roten Sand von Belo Horizonte. Sie nehmen an einem Resozialisierungsprogramm teil, das die brasilianische Regierung mit den lokalen Behörden ausgehandelt hat. Beim Bau der Stadien für die kommende Fußballweltmeisterschaft sollen demnach insgesamt fünf Prozent der Arbeiter aus dem Gefängnis kommen. Ferreira und die anderen Teilnehmer des Programms wurden von Sozialarbeitern, Psychologen und Juristen sorgfältig ausgewählt.

Mit seiner kriminellen Karriere hat Ferreira offenbar abgeschlossen. Auf der Baustelle zu arbeiten sei „eine einzigartige Chance“, sein Leben neu zu gestalten – und es dabei gleich auch noch zu verlängern. Denn ein Leben als Krimineller, sagt der 26-Jährige, bietet nur zwei Alternativen: „Entweder endet man ziemlich bald im Rollstuhl oder unter der Erde.“

Ferreiras Kollege Francisco das Chagas Queiroz sitzt seit 17 Jahren in Haft wegen eines Banküberfalls. Auf der Baustelle hat er in kurzer Zeit eine Traumkarriere hingelegt. Wegen seines Arbeitseinsatzes und seiner Effizienz wurde der 52-Jährige zum „Angestellten des Monats“ gekürt. „Schon nach zwölf Tagen wurde ich befördert, seitdem übernehme ich auch Koordinationsaufgaben“, erzählt er stolz. Queiroz zeigt zwar keine Reue – „mein schwieriges Leben hat mich zu dem gemacht, der ich bin“ – aber er freut sich über die Anerkennung seiner harten Arbeit.

Die Wertschätzung seiner Kollegen und Vorgesetzten tröste ihn und tue ihm gut, sagt Queiroz. Dafür arbeitet der ehemalige Kaufmann gerne von 05.00 Uhr morgens bis zum Spätnachmittag und macht dann noch eine Ausbildung als Krankenpfleger, bevor er um Mitternacht in seine Zelle zurückkehrt. Der 52-Jährige hofft, dass er nach Ende seiner Haftzeit im Januar auf der Baustelle bleiben kann.

Sein jüngerer Kollege Ferreira arbeitet ebenfalls hart. Sein Arbeitstag beginnt jeden Morgen um 04.00 Uhr, abends geht es zurück in die Zelle. Doch damit soll bald Schluss sein: Im Februar steht auch Ferreiras Entlassung an, und wie sein Kollege Queiroz will er danach weiter am Stadion arbeiten. „Wenn Gott es will, werde ich ein erfolgreiches Leben führen“, hofft er.

Schon heute bringt der 26-Jährige mit dem Lohn auf der Baustelle seine Frau, seinen vier Wochen alten Sohn und seine Mutter durch. Sein Sohn soll es einmal besser haben als er, sagt Ferreira. Vor allem aber will er das Baby davor bewahren, eines Tages dieselben Fehler zu begehen wie er. Stolz zeigt er das Foto des Kleinen auf seinem Handy herum. Nach zwei Jahren und fünf Monaten im Gefängnis kann Ferreira es kaum erwarten mit dem neuen Leben.