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Verbraucherschützer fordern Tiermast ohne Antibiotika als Ziel

Verbraucherschützer fordern eine Tierzucht ohne den Einsatz von Antibiotika. Denn immer mehr Menschen sind unter anderem deshalb resistent gegen Antibiotika und können daher bei schweren Krankheiten nicht mehr damit behandelt werden. Die Kritik: Hersteller sollen sichere Produkte liefern – und tun es nicht.

Berlin (afp) – Verbraucherschützer fordern eine Tierzucht ohne den Einsatz von Antibiotika: Wir brauchen einen Plan, „mit dem wir innerhalb von zehn Jahren zu einer Tiermast kommen, die völlig frei ist von Antibiotika“, sagte am Dienstag der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Gerd Billen. Nordrhein-Westfalen startet als erstes Bundesland am Mittwoch eine Datenbank zur Dokumentation des Antibiotikaeinsatzes in der Geflügelmast.

„Wir haben ein massives Antibiotika-Problem in der Massentierhaltung“, sagte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) der Nachrichtenagentur AFP. Die im November veröffentlichte Antibiotika-Studie habe gezeigt, dass mehr als 96 Prozent des Geflügels in untersuchten NRW-Betrieben mit Antibiotika behandelt worden seien, fügte er hinzu. Der Antibiotika-Einsatz sei „die Regel und gängige Praxis“.

Immer mehr Menschen sind unter anderem deshalb resistent gegen Antibiotika und können daher bei schweren Krankheiten nicht mehr damit behandelt werden. Der vzbv-Vorsitzende Billen forderte daher auch eine Verordnung, auf deren Grundlage Fleisch mit multiresistenten Keimen aus dem Verkehr gezogen werden kann. Lebensmittel müssten unabhängig vom Preis sicher sein, sagte Billen. „Es ist die Aufgabe der Hersteller, sichere Produkte zu liefern. Das machen sie offensichtlich nicht.“

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) legte ihren Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vor, mit dem der Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung stark eingeschränkt werden soll. Tierärzte sollen demnach verpflichtet werden, auf Verlangen der Behörden Daten zur Abgabe und Anwendung von Antibiotika zu übermitteln. Wenn sie ein Medikament bei denselben Tieren nochmal verschreiben oder einen ähnlichen Wirkstoff, müssen sie den Erreger vorher im Labor testen lassen – bezahlen muss dies der Tierhalter.

Tierhalter sollen laut dem Entwurf künftig auch den Schlachtbetrieben melden müssen, welche Medikamente die Tiere über ihre gesamte Lebensdauer bekommen haben, und nicht nur in den letzten sieben Tagen vor der Schlachtung. Überwachen sollen diese neuen Regelungen die Bundesländer, die für zusätzliche Kontrolleure auch zahlen müssen. Sie seien nun am Zug, erklärte Aigner: „Das Ziel, den Einsatz von Antibiotika deutlich zu reduzieren, ist nur erreichbar, wenn alle an einem Strang ziehen.“

NRW-Verbraucherschutzminister Remmel kritisierte, erst die Studie seines Hauses habe Aigner zu einer Kehrtwende veranlasst; sie reagiere nach Jahren der Untätigkeit. Die Antibiotika-Datenbank in seinem Bundesland müsse daher vorerst auf freiwilliger Basis starten: Tierärzte und Geflügelhalter sollen ihre Daten über den Antibiotika-Einsatz aus freien Stücken übermitteln, damit die Behörden sich schnell einen Überblick verschaffen können. Für verpflichtende Angaben muss NRW Remmel zufolge auf die gesetzliche Grundlage des Bundes warten.

Aigners Gesetzentwurf soll im März ins Kabinett gehen und muss dann durch Bundestag und Bundesrat. Er rechne mit einer schnellen Verabschiedung, sagte Ministerialdirektor Bernhard Kühnle aus dem Landwirtschaftsministerium. Möglicherweise könne das neue Arzneimittelgesetz noch in diesem Jahr in Kraft treten.