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Arbeitsmarktexperten ziehen desaströse Bilanz von Minijob-Boom

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat eine desaströse soziale Bilanz des Trends zu Minijobs gezogen. Knapp 90 Prozent der insgesamt 7,3 Millionen Betroffenen arbeiteten zu Niedriglöhnen, heißt es in einer von drei Studien zum Thema. Eine andere Studie kam zum Ergebnis, dass das Argument, Minijobs seien eine „Brücke“ in reguläre Arbeitsverhältnisse, nicht zutreffe.

Düsseldorf (afp) – Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat eine desaströse soziale Bilanz des Trends zu Minijobs gezogen. Knapp 90 Prozent der insgesamt 7,3 Millionen Betroffenen arbeiteten zu Niedriglöhnen, heißt es in einer von drei Studien zum Thema, die Wissenschaftler der Stiftung am Donnerstag in Düsseldorf vorstellten. Eine andere der Studien kam auch zu dem Ergebnis, dass das vielfach vorgebrachte Argument, Minijobs seien eine „Brücke“ in reguläre Arbeitsverhältnisse, nicht zutreffe. Nur neun Prozent der geringfügig Beschäftigten schafften diesen Schritt.

Die steuer- und abgabenrechtliche Privilegierung der Minijobs sei insgesamt Ursache für „Fehlentwicklungen“, die zur Diskriminierung der Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt und drohenden Lücken in der sozialen Sicherung führten, erklärten die Forscher. Die Abschaffung des Sonderstatus sei „unvermeidlich“. Die dadurch geschaffenen Probleme spitzten sich nur weiter zu.

„Der steile Aufstieg von Minijobs im deutschen Beschäftigungssystem ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie sich im Einzelnen begründbare Praktiken verselbstständigen und immer weiter weg führen von zukunftsfähigen Lösungen für eine moderne Erwerbsgesellschaft“, fassten die Experten zusammen.

Minijobs sind sogenannte geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, bei denen die maximale monatliche Verdienstgrenze bei 400 Euro liegt. Beschäftigte müssen keine Steuern und Abgaben zahlen, erwerben allerdings auch keine oder nur sehr geringe Ansprüche an die Sozialversicherungen. Verbreitet sind Minijobs unter anderem im Einzelhandel, in der Gastronomie und im Reinigungsgewerbe. Ihre Zahl nahm in den vergangenen Jahren stark zu. Viele Minijobber sind Frauen.

Eine der drei von der Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegebenen oder von deren Experten erarbeiteten Studien kommt zu dem Ergebnis, dass Minijobs für viele zur „Niedriglohnfalle“ würden. Knapp 90 Prozent der Betroffenen arbeiteten für Brutto-Stundenlöhne von weniger als 9,76 Euro im Westen und 7,03 Euro im Osten. Auswertungen des Statistisches Bundesamts und der Bundesagentur für Arbeit zeigten, dass Brutto-Stundenlöhne von Minijobbern im Durchschnitt nicht einmal halb so hoch seien wie die von regulär Vollzeitbeschäftigten.

Nach Angaben der Forscher ist dies mit „objektiven Kriterien“ wie einer geringeren Qualifikation nicht zu erklären. Vielmehr deute dieser Befund darauf hin, dass die Arbeitgeber die speziellen Steuer- und Abgabenregelungen bei Minijobs dazu nutzten, die Brutto-Löhne zu drücken.

Eine zweite Studie nennt es „wahrscheinlich“, dass Arbeitgeber bei Minijobbern, die zugleich Arbeitslosengeld II bekämen, diese Grundsicherung vielfach mit einrechneten und und auf diese Weise „faktisch ein Kombilohn zu Lasten des Fiskus entsteht“.

Die dritte Studie stellt wiederum heraus, dass Minijobs für zahlreiche Betroffene, in erster Linie Frauen, weder temporäre Zwischenstation noch reine Zuverdienstoption seien. Vielmehr stellten die Minijobs einen festen Bestandteil „diskontinierlich-prekärer“ Erwerbsverläufe dar. Nur neun Prozent der Minijobber wechselten in ein normales Arbeitsverhältnis, stellten die Autorinnen dabei unter anderem fest.

Die Studien basieren ihrerseits auf Umfragen wie dem Sozio-ökonomischen Panel oder offiziellen Statistiken, darunter der Bundesagentur für Arbeit.