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Einsame Senioren erobern Japans Spielhallen

Früher waren Spielhallen in Japan das Revier lärmender Teenager – inzwischen sind sie auf dem besten Weg, zum Tummelplatz der Großeltern-Generation zu werden. Weil sie Geld und viel Freizeit haben, verbringen mehr und mehr einsame Senioren viele Stunden am Münzautomaten.

Von Hiroshi Hiyama

Tokio (afp) – Früher waren Spielhallen in Japan das Revier lärmender Teenager – inzwischen sind sie auf dem besten Weg, zum Tummelplatz der Großeltern-Generation zu werden. Weil sie Geld und viel Freizeit haben, verbringen mehr und mehr einsame Senioren viele Stunden am Münzautomaten. Der so genannte silberne Markt wird in Japan, wo fallende Geburtenraten und eine lange Lebenserwartung die Gesellschaft immer älter werden lassen, für die Industrie immer wichtiger. Statt für rasante Action-Videospiele geben die Senioren ihr Geld am liebsten für Geldspielautomaten aus.

Der 68-jährige Noboru Shiba besucht die Spielothek in einem Einkaufszentrum nahe seines Hauses im Tokioter Stadtteil Kiba, seit er bei einem Taxiunternehmen in Rente ging. „Früher saß ich zuhause und schaute nur fern“, sagt er, während er den Jackpot der „Bing Bing Pirates“ fixiert, eine Mischung aus Münzenschieben und Bingo. „Ich wäre senil geworden, wenn ich so weiter gemacht hätte. Ich musste aus dem Haus.“

Während seiner drei-bis vierstündigen Besuche gibt Shiba nach eigenen Angaben das Geld aus, das er beim vorigen Besuch gewann. In manchen Monaten habe er jedoch auch schon bis zu 200 Euro an die Automaten verloren. „Wenn mein Enkel zu Besuch kommt, zeige ich ihm meinen Sack voller Münzen“, sagt er. „Das gefällt ihm.“

Bisher sind die spielverrückten Senioren nur eine Minderheit im fünf Milliarden Euro schweren japanischen Glücksspielmarkt. Offizielle Statistiken für ältere Kunden gibt es für die bisher von Jugendlichen dominierte Branche nicht. Doch nach Angaben von Experten wuchs die Zahl der Älteren in den vergangenen fünf Jahren stetig. Etwa ein Viertel der Menschen in Japan sind 65 Jahre und älter. Dieser Anteil soll bis 2050 sogar auf 40 Prozent steigen. Ein lohnendes Segment, das von Karaoke-Bars bis zu Finanzmaklern bereits eifrig bedient wird.

Spielotheken haben dabei den Vorteil, dass sie sich meist in Einkaufszentren befinden, die von älteren Menschen ohnehin regelmäßig besucht werden. Vor allem während der Schulstunden, wenn das junge Stammpublikum beschäftigt ist, umwerben die Casinos aktiv die Senioren. „Wir gestalten unsere Salons so, dass sie eine breite Palette von Kunden ansprechen, mit heller und poppiger Ausstattung und breiten Gängen, so dass die Leute sich leicht bewegen können“, sagt Yuji Takano von der Firma Namco, die den Videospiel-Klassiker PacMan erfand.

Manche Salons montieren bequemere Sessel. Andere weisen ihr Personal an, regelmäßig mit älteren Kunden zu plaudern, damit sich diese willkommen fühlen. Manchmal werden die Spielotheken zum Treffpunkt: „Hier begegne ich Menschen von anderen Städten und kann ehrlich über Sorgen reden, ohne dass ich Angst haben muss, dass es in der Nachbarschaft weitergetratscht wird“, sagt Mitsuko Nishino.

„Wenn ich spiele, denke ich an nichts. Es gibt keinen Stress“, sagt die 63-Jährige. „Früher spielte ich Tennis. Doch dafür muss man seine Freunde fragen, eine Zeit ausmachen, einen Court reservieren. Das war Stress“, sagt sie. „Hier kann ich spielen, wann ich will, und muss mich nicht um andere Leute bemühen.“ Ihre beiden Söhne habe sie von Spielhallen ferngehalten, als diese jung waren, räumt Nishino ein. „Doch jetzt komme ich zwei, drei Mal in der Woche hierher und genieße es.“

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