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FOE: Neuer Bericht zu Nahrungsmittelspekulationen

Ein neuer Bericht der Organisation „Friends of Earth“ (FOE) untersucht die Spekulation auf Nahrungsmittel und die Finanzierung von Landraub durch 29 europäische Banken, Pensionsfonds und Versicherungen. Damit reiht sich die Studie in eine Reihe weiterer Untersuchungen ein, die in den letzten Monaten veröffentlicht wurden. Nicht alle kommen zu dem gleichen Schluss.

Brüssel (csr-news) > Ein neuer Bericht der Organisation „Friends of Earth“ (FOE) untersucht die Spekulation auf Nahrungsmittel und die Finanzierung von Landraub durch 29 europäische Banken, Pensionsfonds und Versicherungen. Damit reiht sich die Studie in eine Reihe weiterer Untersuchungen ein, die in den letzten Monaten veröffentlicht wurden. Nicht alle kommen zu dem gleichen Schluss.
Der FOE-Bericht zeigt die signifikante Beteiligung der Finanzinstitute an Spekulationen und Finanzierungen. Unter anderen ist auch die Deutsche Bank vertreten, die seit einiger Zeit im Fokus von Nichtregierungsorganisationen steht. Daneben werden aber auch die Aktivitäten von Barclays, der Allianz, AXA, BNP Paribas, HSBC, Generali, Unicredit und Weiteren untersucht. Daniel Pentzlin, Kampagnenmanager bei FOE: „Lebensmittelspekulationen und die Finanzierung von Landraub führen zu einer katastrophalen Instabilität der globalen Nahrungsmittelpreise und zwingen Millionen von Menschen in Armut und Hunger. Diese Branche braucht eine strengere Regulierung, um die Ärmsten in der Gesellschaft zu schützen“.
Erst vor wenigen Wochen haben die Organisationen Oxfam, Misereor und WEED der Deutschen Bank vorgeworfen, mitverantwortlich für die Preisexplosionen auf den Weltagrarmärkten zu sein. „Die Deutsche Bank mischt beim Spekulieren mit Nahrungsmitteln international in der ersten Liga mit. Solange sie mit Essen spielt, riskiert sie den Hungertod von Menschen“, erklärt Marita Wiggerthale, Agrarexpertin bei Oxfam. Die Entwicklung der Nahrungsmittelpreise, insbesondere die starken Preisschwankungen, ließen sich nicht nur mit den Ernteerträgen, der Nachfrage und den Lagerbeständen erklären. Recherchen im Auftrag der drei Organisationen ergaben, dass aus 45 Rohstofffonds der Deutschen Bank bis zum Jahresende 2010 knapp über fünf Milliarden US-Dollar in Agrarrohstofffonds und knapp 3,6 Milliarden US-Dollar in Energiefonds investiert worden sein. Diese Fonds würden auf steigende Agrar- bzw. Ölpreise wetten und damit zu Preisspitzen bei Nahrungsmitteln beitragen. Misereror-Hauptgeschäftsführer Josef Sayer fordert deshalb: „Die Deutsche Bank darf nicht nur gegenüber ihren Aktionären, sondern muss in einer globalisierten Welt auch gegenüber den Ärmsten ihre Verantwortung wahrnehmen und mit dem Ausstieg aus der Nahrungsmittelspekulation ein Zeichen setzen.“
Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann hatte eine Überprüfung angekündigt und einen Ausstieg in Aussicht gestellt. Die Verbraucherorganisation Foodwatch wirft Ackermann nun Wortbruch vor, weil bis Ende Januar 2012 noch kein Ausstieg erfolgt sei. „Die Ankündigung war offensichtlich nur ein PR-Trick, um die Öffentlichkeit zu beruhigen“, kritisierte Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode. Dem widerspricht die Deutsche Bank, ein konkreter Zeitpunkt sei nicht genannt worden. Man stehe mit den Untersuchungen erst am Anfang, mit Ergebnissen sei erst in einigen Monaten zu rechnen. Foodwatch hatte im Oktober die umfangreiche Studie „Die Hungermacher“ der Öffentlichkeit präsentiert. Im Auftrag der Organisation hat der Wirtschaftsjournalist Harald Schuhmann versucht, die komplette Bandbreite des Themas zu analysieren. Er kam zu ähnlichen Ergebnissen wie die aktuelle FOE-Studie und fand ebenso eine deutliche Zunahme der Spekulationen durch institutionelle Anleger. So lag beispielsweise der Anteil der zu rein spekulativen Zwecken gehaltenen Weizen-Kontrakte an der Chicagoer Börse (CBOT) bis 1999 noch bei 20 bis 30 Prozent – heute beträgt er bis zu 80 Prozent. Institutionelle Anleger haben bislang 600 Milliarden Dollar an den Rohstoffbörsen investiert – das entspricht etwa einem Zehntel des Wertes aller weltweit gehandelten Aktien. Dabei ist die Zahl der gehandelten Futures völlig unabhängig von den verfügbaren Mengen der physischen Ware und überschreitet diese um ein Vielfaches.

Welchen Einfluss Spekulationen tatsächlich auf die Nahrungsmittelpreise haben, damit haben sich zwei Studien beschäftigt, die zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Der Agrarökonom Harald von Witzke kommt in seiner Analyse der Preisentwicklung auf den globalen Nahrungsmittelmärkten zu dem Schluss, dass die Preise beispielsweise für Mais und Weizen zwar signifikant angestiegen sind, dies aber nicht das Ergebnis von Spekulationen ist. Er sieht vor allem den gestiegenen Ölpreis und Exportbeschränkungen einzelner Länder als Hauptverursacher für die Preisentwicklung. Dagegen kommt eine Studie der Welthungerhilfe zu dem Ergebnis, dass mindestens 20 Prozent der Preissteigerung auf Spekulationen zurückzuführen sind. Unterschiede auch bei der Betrachtung der Warenterminmärkte: Von Witzke meint, die extremen Kurssteigerungen würden sich nicht auf die realen Märkte auswirken. Dagegen sieht der Volkswirt Hans-Heinrich Bass, der die Studie für die Welthungerhilfe durchgeführt hat, dass vor allem der Preisdruck an den Terminmärkten für die Ausschläge in den Agrarmärkten verantwortlich ist.