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Lange Haftstrafen im Asbest-Prozess – Produktion in Schwellenländern läuft weiter

Im Asbest-Prozess in Italien sind ein früherer Eigentümer und ein Ex-Manager von Eternit-Fabriken am Montag zu jeweils 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden. In italienischen Eternit-Fabriken und umliegenden Ortschaften starben oder erkrankten Tausende. 2005 wurde Asbest in Europa verboten, doch in Schwellenländern findet es weiterhin Verwendung.

Turin (afp) – Im Asbest-Prozess in Italien sind ein früherer Eigentümer und ein Ex-Manager von Eternit-Fabriken am Montag zu jeweils 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Gericht in Turin befand den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny und den früheren belgischen Eternit-Manager Jean-Louis Marie Ghislain de Cartier de Marchienne in Abwesenheit für schuldig, für den Tod von etwa 3000 Menschen in Italien verantwortlich zu sein.

Nach Überzeugung des Gerichts verursachten die beiden Angeklagten eine Umweltkatastrophe und missachteten Sicherheitsregeln in den seinerzeit vier italienischen Eternit-Fabriken; damit seien sie für den Tod von etwa 3000 Menschen in Italien verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft hatte 20 Jahre Gefängnis gefordert.

Überdies müssen Schmidheiny und Cartier de Marchienne Entschädigungen in Millionenhöhe an zahlreiche Kläger zahlen. Angehörige von Opfern bekommen demnach 30.000 Euro, Erkrankte sollen 35.000 Euro erhalten. Die Gesamtsumme der Entschädigungen beläuft sich auf mehr als 250 Millionen Euro. Die Verteidigung kündigte an, in die Berufung zu gehen. Bis hin zur letzten Instanz kann das Verfahren noch viele Jahre dauern. Der Belgier Cartier de Marchienne ist bereits 90 Jahre alt, Schmidheiny 64.

„Das ist ein faires Urteil, das ihre Verantwortlichkeit anerkennt“, sagte der Anwalt Sergio Bonetto der Nachrichtenagentur AFP. Offen sei, ob die Verurteilten sich ihrer Strafe stellen würden.

In italienischen Eternit-Fabriken und umliegenden Ortschaften starben oder erkrankten tausende Arbeiter und Einwohner. Rund 6000 frühere Angestellte, Anwohner und Angehörige von Opfern klagten auf Schadenersatz. Die Fabriken befanden sich in den Orten Casale Monferrato, Cavagnolo und Rubiera im Norden sowie in Bagnoli im Süden des Landes. Entschädigungen sollen auch den betroffenen Städten, der Arbeitsschutz-Versicherung und der Region Piemont gezahlt werden.

Auf drei Großbildschirmen verfolgten Opfer, Angehörige und Unterstützer die Urteilsverkündung, die sie mit Jubel und Klatschen begrüßten. Italiens Gesundheitsminister Renato Balduzzi bezeichnete das Urteil als „historisch“, doch der Kampf gegen Asbest ende damit nicht. Vielmehr sei es ein weltweiter Kampf.

Asbest wurde aufgrund seiner Hitze- und Feuerbeständigkeit einige Zeit vor allem im Bauwesen eingesetzt. Das Einatmen von Partikeln kann Lungenkrebs auslösen, die Symptome können noch nach 20 Jahren auftreten. 2005 wurde es in Europa verboten, doch in Entwicklungs- und Schwellenländern findet es weiterhin Verwendung. Im Jahr 2007 wurden zwei Millionen Tonnen Asbest produziert, vor allem in China, Indien, Russland, Kasachstan und Brasilien.

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