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CSR stärkt Unternehmenskultur – St.Galler CSR-Tage gestartet

Corporate Social Responsibility wird von Kunden überwiegend als selbstverständlich vorausgesetzt und eignet sich für Unternehmen weniger als Differenzierungsmerkmal. Eine Chance der CSR liege in ihrem Beitrag zu einer Unternehmenskultur, indem sie Visionen beisteuere und Veränderungsprozesse stärke, so der Managementexperte Prof. Dirk Fischer auf den St.Galler CSR-Tagen.

St.Gallen (csr-news) – Corporate Social Responsibility wird von Kunden überwiegend als selbstverständlich vorausgesetzt und eignet sich für Unternehmen weniger als Differenzierungsmerkmal. Wie der Managementexperte Prof. Dirk Fischer am 17. Februar in St.Gallen weiter sagte, würden Medien und NGOs gerade zum Engagement mancher CSR-Vorreiterunternehmen besonders kritisch berichten. Eine Chance der CSR liege in ihrem Beitrag zu einer Unternehmenskultur, indem sie Visionen beisteuere und Veränderungsprozesse in Unternehmen stärke. Fischer sprach im Rahmen der „St.Galler CSR-Tage“, die vom 16. bis 18. Februar mit Experten aus Unternehmen und der Wissenschaft an der Universität St.Gallen stattfinden.

Schnelle Branchen brauchen schnelle Unternehmen

Für Roland Kuntze, Vice President of Corporate Communications bei Telefónica Germany, besitzt CSR auch deshalb Bedeutung, “weil sie die Kultur eines Unternehmens prägt”. Schnelle Branchen wie die Telekommunikation erforderten ein schnelles Lernen im Unternehmen und eine Kultur, die dies ermögliche. Zugleich sei CSR für sein Unternehmen aber auch ein Differenzierungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern. Kuntze: „Wir setzen uns in der CR-Abteilung mit Chancen und Risiken auseinander und suchen Anknüpfungspunkte zu gesellschaftlichen Themen.“ Als Beispiel nannte er das internationale Telefónica-Programm „Think Big“, in dem Jugendliche beim Einsatz von Social Media zur Gestaltung ihres Umfeldes gestärkt werden.

Aufsichtsräte aus Stakeholdergruppen rekrutieren

Längst gehört CSR in vielen Unternehmen zum geschäftlichen Alltag, meint Peter Kusterer von IBM: „Der größte Teil ist quasi Pflicht und wird von den Unternehmen ohne Diskussion gemacht, entscheidend ist das letzte Siebtel, da stecken die großen Herausforderungen“. Gemeint ist, wie Unternehmen gesellschaftliche Probleme aufnehmen und wie sie die gesellschaftliche und geschäftliche Agenda zusammenbringen. IBM setzt hier vor allem auf seine Corporate Volunteering-Initiative „On Demand Community“, unsere CSR „Power Tool“ wie Kusterer bekräftigt. Von zentraler Bedeutung ist aber auch wo die CSR-Verantwortlichen im Unternehmen verortet sind, gibt Kathrin Ankele zu bedenken, ob als Stabsstelle oder Anhängsel beispielsweise der Marketing-Abteilung. Bei IBM ist CSR den jeweiligen Verantwortungsbereichen zugeordnet. Kusterer: “Für die Wahrnehmung von außen spielt die Verortung keine Rolle, wohl aber innerbetrieblich”. Welche Rolle der Aufsichtsrat für verantwortungsvolles Unternehmertum hat, diskutierten Dr. Friedrich Sauerländer, Verwaltungsrat und der Bayreuther Professor Dr. Alexander Brink. So lange Unternehmen nur kurzfristig denken werden sie einer nachhaltigen Verantwortung nicht gerecht mahnt Sauerländer. „Es wird oft nur für die Börse gearbeitet“, so Sauerländer. Quartalsberichte und zu kurze Verpflichtungen von Vorständen stehen demnach einer nachhaltigen Verantwortung im Wege. Für eine veränderte Sichtweise plädiert Brink: Wie wirkt die ökonomische Realität in die Welt – eine Inside-Out-Betrachtung“. Aufsichtsräte müssten sich aus allen relevanten Stakeholdergruppen rekrutieren und nicht mehr ausschließlich die Interessen der Investoren vertreten – ein Paradigmenwechsel, der ein völlig neues CSR Verständnis voraussetzt.

Konsumentenanliegen berücksichtigt: ISO 26000

Auf der Tagung beschäftigte sich ein Workshop mit der CSR-Norm ISO 26000. Ein Grund für deren Entwicklung sei die „Unterbelichtung“ der Konsumentenanliegen in anderen Regelwerken wie dem UN Global Compact gewesen, sagte die Beraterin und derzeit Vorsitzende des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik, Annette Kleinfeld. „CSR leistet einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der globalen Gesellschaft“, das sei zentrales Anliegen der ISO 26000. Eine Betonung der Norm liege auf dem Stakeholderdialog. Die deutsche DIN 26000 sei nicht zur Zertifizierung vorgesehen. Vorgesehen sei aber deren Integration in die gesamte Organisation einschließlich der Führungs- und Steuerungsebenen.

Gisela Eickhoff von der Harting KGaA sagte, die Kommunikation der Verantwortungsübernahme sei die Herausforderung für den Mittelstand, nicht die Verantwortungsübernahme selbst. „Wir sind verantwortlich. Wir können uns nicht rausreden, Dinge nicht gewusst zu haben“, sagte Eickhoff. Managementsysteme müssten auf diese Verantwortung ausgerichtet werden. Ihr Unternehmen werde nach der österreichischen Regel ONR 192500 und nach dem spanischen Standard RS 10 zertifiziert und werde auf der Basis der ISO 26000 durch die DQS zertifiziert worden. Im Vordergrund habe dabei Wunsch nach einer ehrlichen Bestandsaufnahme gestanden. Ihr Unternehmen habe die unterschiedlichen Codes of Conducts von Kunden erhalten. Darunter sei auch eine erste Anfrage aus Hongkong, ob die ISO 26000 befolgt werde. In Deutschland liege auf der ISO 26000 „ein Bann“, Unternehmen hielten die Norm für unbedeutend. Im Ausland sei das anders.

Prof. Ludger Heidbrink vom Kulturwissenschaftlichen Institut wies auf die Grenzen der ISO 26000 für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hin. In der Kompatibilität dieser Norm mit anderen Normen und könne zur Glaubwürdigkeitssteigerung beitragen, so die Einschätzung der KMU nach einer Befragung des Kulturwissenschaftlichen Instituts unter 25 Unternehmen. Risiken beständen darin, dass Spezifika der KMU nicht ausreichend berücksichtigt seien, insbesondere deren knappe Ressourcen. Branchenspezifische Aspekte seien zu wenig berücksichtigt. Die ISO 26000 verdeutliche zudem nicht, wie Führungskräfte eingebunden werden könnten. Heidbrink sprach sich dafür aus, die für KMU typischen Eigentums- und Führungsstrukturen für die Wahrnehmung gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung besser zu nutzen, etwa über Best-Practice-Plattformen oder den informellen Wissensaustausch.

Corporate Volunteering braucht Freiwilligkeit

Christoph Schank vom Institut für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen sagte, dass Corporate Volunteering häufig ohne Beziehung zum Kerngeschäft der Unternehmen diskutiert und praktiziert werde. Andererseits könne die Einordnung als personalpolitisches Instrument die gesellschaftliche Funktion zu einem Feigenblatt werden lassen. Ökonomische und philanthropische Gesichtspunkte würden in Unternehmen selten zusammengebracht. Corporate Volunteering solle konsequenter am gesellschaftlichen und am unternehmerischen Bedarf ausgerichtet werden. Politik sei gefordert, Klarheit im steuerlichen und versicherungsrechtlichen Bereich zu schaffen. Schank: „Wir brauchen nicht mehr, sondern ein besseres Volunteering.“ Gebraucht werde auch eine Kooperationsstruktur ohne Bittsteller, wo sich Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen auf Augenhöhe begegneten.

Herbert Ammann, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, sagte, Mitarbeiter eines Unternehmens seinen nie nur Angestellte, sondern immer auch in anderen gesellschaftlichen Rollen aktiv. Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit gewähren, diese Rollen weiter auszuführen. Ein Unternehmen sei auf den Goodwill seiner Umgebung angewiesen, und der könne durch Corporate Volunteering gesteigert werden. Die Freiwilligkeit des Engagements dürfe auf Mitarbeiterseite nicht verloren gehe. Er kenne große Unternehmen, bei denen Mitarbeiter aufgrund äußeren Drucks zu den Corporate Volunteering-Programmen kämen, sagte Ammann. Das führe zu inneren Kündigungen. Ammann: „Freiwilligkeit ist unteilbar.“

Verantwortung in der Lieferkette

Viel diskutiertes Thema, nicht nur im eigenen Workshop, die Verantwortung in der Lieferkette. Andreas Streubig von der Otto-Group dazu: „Niemand kann behaupten die Probleme gelöst zu haben. Das ist ein langer Prozess mit vielen Schwierigkeiten“. Denn, nicht alle Unternehmen verfügen über eine Marktmacht um ihren Lieferanten Vorgaben diktieren zu können. Zudem haben die Bemühungen bei sozialen Standards im Vergleich zu Umweltfakten noch einen weiten Weg vor sich. Streubig: „Wichtig ist aber auch die jeweilige Unternehmenskultur, es braucht eine Identifikationsfigur an der Spitze“. Bei Otto wird das Thema seit den 1980er Jahren diskutiert, das hat in vielen Bereichen schon zu Veränderungen geführt. Auch im Vorstand, dem Streubig und sein Team zwei mal pro Jahr berichten muss.

Zu guter Letzt die Frage, was bedeutet eigentlich CSR im Kerngeschäft? Für Prof. Christoph Weber-Berg von der Züricher Hochschule für Wirtschaft, ist es der Umgang mit Stakeholder-Risiken und Stakeholder-Nutzen im Rahmen des Wertschöpfungsprozesses. Dabei ist der Begriff Kerngeschäft nicht immer treffend, denn CSR umfasst schließlich das gesamte Geschäftskonzept. Vorteil für den Öko-Versender hessnatur, das Unternehmen wurde bereits mit diesem Anspruch gegründet. Dennoch war der Weg zu nachhaltigen Produkten auch für hessnatur ein langer. „Heute können wir sagen“, so Rolf Heimann, Manager Ökologie und Innovation, „unsere gesamte textile Wertschöpfungskette ist kontrolliert“. CSR bedeutet für hessnatur vor allem eine ganzheitliche Betrachtung. Heimann: „Wir haben allerdings auch noch Nachholbedarf, derzeit liegt unser Fokus noch sehr auf dem Produkt“.

Während der vom Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen veranstalten „St.Galler Corporate Social Responsibility Tage“ diskutieren rund 80 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Fragen wie „Wie lebt man CSR in der Organisation?“, „Frauen in Führungspositionen: ein Muss für alle oder Alleinstellungsmerkmal?“ oder „Aufsichtsratspflichten im Lichte der ISO 31.000“. Auch Menschenrechte in europäischen Unternehmen, Fußball und Verantwortung sowie CSR-Medienberichterstattung stehen auf dem Programm.

Einen Bericht über die Eröffnungsveranstaltung lesen Sie hier.
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