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Ausbau von Wasserkraftwerken gefährdet vom Aussterben bedrohte Aale

Der Ökostrom der bundesweit 7650 Wasserkraftanlagen ist blutrot gefärbt: Jede Großturbine zerhäckselt rund 30 Prozent der bereits vom Aussterben bedrohten Aale, die auf ihren herbstlichen Laichwanderungen stromabwärts ziehen. Die EU zwingt die Betreiber zur Abhilfe: womöglich müssen Wasserkraftwerke abgeschaltet werden – zumindest zeitweise.

Von Jürgen Oeder

Karlsruhe (afp) – Dem milden Winter ist es zu verdanken, dass der von der Energiewirtschaft nach dem Atomausstieg prophezeite Blackout bislang ausgebelieben ist und Politiker Zeit für die ökologische Energiewende gewinnen. Etwa durch den auch von EU-Kommissar Günther Oettinger geforderten Ausbau der bundesweit 7650 Wasserkraftanlagen. Doch dieser Ökostrom ist blutrot gefärbt: Jede Großturbine zerhäckselt rund 30 Prozent der bereits vom Aussterben bedrohten Aale, die auf ihren herbstlichen Laichwanderungen stromabwärts ziehen. Die EU zwingt die Betreiber zur Abhilfe: Nach den Atom- müssen nun womöglich auch Wasserkraftwerke abgeschaltet werden – zumindest zeitweise.

„Die Umsetzung der EU-Aalverordnung gibt noch ein hartes Ringen, weil den großen Kraftwerksbetreibern deshalb Verluste von Hundertausenden Euro drohen“, sagt der Experte Johannes Reiss, Mitautor einer Studie zum Ausbaupotenzial der Wasserkraft im Neckar-Raum. Zwar produzieren die bundesweit 354 mittleren und großen Anlagen mehr als 90 Prozent des Ökostroms und die rund 7300 kleinen Mühlen nur acht bis zehn Prozent. Doch die Großanlangen wie etwa am Rhein oder der Mosel sind verantwortlich für den zehntausendfachen Tod der Aale jedes Jahr: Die Fische folgen auf ihren Laichwanderungen stromab in die Nord- oder Ostsee immer der stärksten Strömung und landen damit zwangsläufig in den Turbinen.

Technische Abhilfen dagegen, etwa durch Rechen vor dem Turbineneinlauf wie an Kleinanlagen, gibt es bislang nicht. „Daran wird zwar an Universitäten geforscht, praktikable Lösungen sind aber noch nicht in Sicht“, sagt Alexander Lennemann von Wasserkraftbetreiberin Energiedienst Holding AG am Hochrhein. Dort ist die Situation für den Aal einer Studie des schweizerischen Umweltbundesamtes (BUWAL) zufolge besonders prekär. Im Hochrhein brechen jeden Herbst mindestens 28.000 Aale zu ihrer letzten Reise ins karibische Sargassomeer auf, wo sie in mehreren Hundert Metern Tiefe laichen wollen und danach sterben.

Doch keiner dieser Aale kommt dort laut BUWAL an: In jedem schweizerischen Rheinkraftwerk wird ein knappes Drittel der Aale von den Turbinenschaufeln erschlagen. Nur sieben Prozent der Fische schaffen es deshalb unverletzt bis zur Grenze und müssen ab dort durch die Fallbeile zehn weiterer deutscher Kraftwerke.

Wegen ähnlicher Zahlen an den zehn großen Mosel-Anlagen zwischen Koblenz und Trier setzt der Energieversorger RWE dort auf sogenanntes „Catch & Carry“: RWE lässt jedes Jahr bis zu 15.000 Aale in Reusen vor den Turbinen wegfangen und in Tankwagen zum Rhein karren, wo die Fische wieder ausgesetzt werden. Zudem wird an Detektoren geforscht, die die nächlichen Aalwanderungen melden sollen. Dann könnte die Turbinen verlangsamt und den Fischen eine gefahrlose Passage ermöglicht werden.

Der Neubau kleiner Wasserkraftanlagen wäre im gebirgigen Süden der Republik möglich, wird aber von Experten und Umweltverbänden einhellig abgelehnt. Der Ausbau bestehender Anlagen mit stärkeren Turbinen sowie Fischtreppen oder Umgehungsgerinnen scheitert dagegen am Desinteresse der Stromerzeuger. „Investitionen im fünfstelligen Bereich rentieren sich erst nach vielen Jahren und rechnen sich für uns kaum“, sagt der Sprecher der baden-württembergischen Arbeitsgemeinschaft Wasserkraft, Julian Aicher.

Dass bis zu 80 Prozent der rund 1700 Kleinanlagen im Südwesten in einem ökologisch bedenklichen Zustand sind und Bypässe für Wasserlebewesen fehlen, wird sich kaum ändern lassen. Viele Betreiber klappernder Mühlen besitzen alte Wasserrechte, in die der Staat auch aus Umweltgründen nicht eingreifen darf. Umbauten und Ertüchtigungen seien deshalb allenfalls mit hohen Subventionen möglich, sagt Aicher.

Das wäre zwar ein ökologisch sinnvoller aber ökonomisch kaum messbarer Schritt auf dem Weg zur Energiewende. Albert Wotke von der Deutschen Umwelthilfe zufolge macht der Anteil der bundesweit 7300 kleinen Wasserkraftanlagen „höchstens 0,34 Prozent der gesamten Strombereitstellung in Deutschland aus“.

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