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Brüssel kündigt konkrete Vorschläge für Frauenquote in Chefetagen an

EU-Justizkommissarin Viviane Reding will bis zum Sommer konkrete Vorschläge für europaweite Frauenquoten in Chefetagen vorlegen. Reding rief darum in Brüssel Unternehmen, Sozialpartner, Bürger und Nichtregierungsorganisationen auf, zu gesetzlichen Quoten und anderen möglichen Maßnahmen bei der Kommission Stellung zu nehmen.

Brüssel (afp) – EU-Justizkommissarin Viviane Reding will bis zum Sommer konkrete Vorschläge für europaweite Frauenquoten in Chefetagen vorlegen. Reding rief darum am Montag in Brüssel Unternehmen, Sozialpartner, Bürger und Nichtregierungsorganisationen auf, zu gesetzlichen Quoten und anderen möglichen Maßnahmen bei der Kommission Stellung zu nehmen. In Deutschland rief der Vorstoß überwiegend Zustimmung hervor.

„Das Fehlen der Frauen in den Spitzenpositionen der Geschäftswelt schadet Europas Wettbewerbsfähigkeit und behindert das Wirtschaftswachstum“, urteilte die Spitzenbeamte in einer Mitteilung. Die Kommission verwies auf Studien, nach denen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in Unternehmensspitzen zu besserer Leistung und mehr Gewinn beitrage. Das liege auch am „produktiveren und innovativeren Arbeitsumfeld“ durch mehr Frauen.

In der Spitze großer Unternehmen sind Frauen bisher spärlich vertreten. „Von sieben Aufsichtsrat- oder Vorstandsmitgliedern führender europäischer Unternehmen ist nur eins weiblich (13,7 Prozent)“, hieß es in der Erklärung. Deutschland liegt den EU-Zahlen zufolge mit 15,6 Prozent leicht über dem Durchschnitt, Spitzenreiter ist Finnland mit 27,1 Prozent, Schlusslicht Malta mit 3,0 Prozent. In Großbritannien sind es 15,6 Prozent und in Frankreich 22,3 Prozent.

Frankreich ist in den Augen der Luxemburgerin Reding ein gutes Beispiel für den Erfolg gesetzlicher Quoten. Bevor diese dort im vergangenen Jahr eingeführt wurde, habe der Frauenanteil nur zwölf Prozent betragen, sagte Reding der „Welt“ vom Montag. Zwar sei sie „kein Fan von Quoten. Aber ich mag die Ergebnisse, die Quoten bringen“, sagte Reding dem Blatt und schloss Vorschläge für gesetzliche Vorgaben nicht aus.

Die von Reding initiierten freiwilligen Maßnahmen haben bislang nicht gefruchtet, räumte die Kommissarin ein. Eine Selbstverpflichtung, bis 2015 den Frauenanteil in der Spitze auf 30 und bis 2020 auf 40 Prozent zu erhöhen, unterschrieben in ganz Europa nur 24 Unternehmen. Die einzige deutsche Firma ist „Unser Herrlesbergladen“, ein genossenschaftlich organisierter Supermarkt in Tübingen.

Auch die europäischen Bürger wollen einer aktuellen Umfrage zufolge Druck machen. 75 Prozent der Befragten sprechen sich in der am Montag in Brüssel veröffentlichten Eurostat-Umfrage für Rechtsvorschriften zum Geschlechtergleichgewicht aus.

In Berlin begrüßte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Redings Vorstoß. Mehr Frauen in Führungspositionen fänden sich vor allem in den Ländern mit gesetzlichen Schritten, sagte sie dem „Tagesspiegel“ vom Mittwoch. Insofern sei es „konsequent, jetzt das Tempo innerhalb Europas zu erhöhen“. Auch SPD-Parteivize Manuela Schwesig begrüßte Redings Handeln. „Das Gesetzgebungsverfahren ist längst überfällig und bietet eine klare Perspektive für Frauen“, sagte sie dem „Hamburger Abendblatt“ (Dienstagsausgabe).

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wiederholte seine Ablehnung gesetzlicher Quoten. Sie berücksichtigten nicht „die erheblichen Unterschiede zwischen den Unternehmen“, erklärte der DIHK in Berlin. Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte hingegen in einer Mitteilung feste Vorgaben: „Nur wenige der Top-Führungskräfte in diesem Land sind Frauen. Darum brauchen wir, das womit andere Länder bereits gut leben: gesetzliche Regelungen.“