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Foodwatch: Industrie programmiert Kinder auf Süßes und Fettiges

Sie locken mit Comicfiguren, Sportlern oder mit der Aufschrift „für Kids“ – doch einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung leisten Kinderlebensmittel laut der Verbraucherorganisation Foodwatch nicht. In ihrem Marktcheck „Kinder kaufen“ kritisieren die Verbraucherschützer, dass diese Produkte eher der Fehlernährung Tür und Tor öffnen.

Berlin (afp) – Sie locken mit Comicfiguren, Sportlern oder mit der Aufschrift „für Kids“ – doch einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung leisten Kinderlebensmittel laut der Verbraucherorganisation Foodwatch nicht. In ihrem am Dienstag in Berlin vorgestellten Marktcheck „Kinder kaufen“ kritisieren die Verbraucherschützer, dass diese Produkte eher der Fehlernährung und damit Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes Tür und Tor öffnen.

Für den Report nahm Foodwatch 1514 Kinderlebensmittel genauer unter die Lupe. Fazit: Mit einem großen Teil industriell hergestellter Kinderlebensmittel ist eine ausgewogene Ernährung praktisch unmöglich, da es sich fast ausschließlich um Süßigkeiten und ungesunde Snacks handelt.

Foodwatch bewertete die Produkte anhand der Ernährungspyramide des Vereins „aid infodienst Ernährungsdienst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz“. Danach fallen fast drei Viertel aller Kinderprodukte (73,3 Prozent) in die rote Kategorie der „süßen und fettigen Snacks“, von denen Kinder täglich nicht mehr als eine Hand voll essen sollten. Selbst Frühstücksflocken seien wegen ihres hohen Zuckergehalts „getarnte Süßigkeiten“, kritisierte der stellvertretende Geschäftsführer von Foodwatch, Matthias Wolfschmidt.

Nur 12,4 Prozent der Kinderprodukte gehören zur grünen Kategorie der Lebensmittel, die reichlich verzehrt werden sollen. Darunter fallen Obst in verarbeiteter Form wie Apfelmus, Nudeln, Tomatensauce oder Fruchtsäfte und Saftschorlen. Im Bio-Segment sieht es laut Anne Markwardt von Foodwatch „nicht so viel besser aus“. Auch dort gehörten knapp 58 Prozent der Produkte zur roten Kategorie.

„Die Industrie will Kinder so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood programmieren“, warnte Markwardt. Der Grund: „Mit Obst und Gemüse lässt sich nur wenig Profit machen – mit Junkfood und Softdrinks schon mehr.“ Viele Hersteller behaupteten zwar, einen Beitrag zur ausgewogenen Ernährung von Kindern leisten zu wollen, hätten aber aus wirtschaftlichen Gründen größtes Interesse daran, möglichst viele unausgewogene Produkte zu verkaufen. Die Gewinnmarge bei Obst und Gemüse liege unter fünf Prozent, Süßwaren, Softdrinks und Snacks brächten hingegen Umsatzrenditen von 15 Prozent und mehr.

„Die Lebensmittelindustrie stellt die Kinderernährung auf den Kopf“, warnte Foodwatch. Das Angebot an speziellen Kinderlebensmitteln entspreche ernährungsphysiologisch genau dem Gegenteil dessen, was Experten für eine ausgewogene Ernährung empfehlen. Zwar gäben sich die Hersteller vermeintlich gesundheitsbewusst, indem sie Sportveranstaltungen förderten, Broschüren zum Thema Bewegung verteilten und „nutzlose Selbstverpflichtungen“ propagierten, kritisierte Markwardt.

Gleichzeitig ziehe sich die Lebensmittelindustrie aber auf ein zentrales Argument zurück, nämlich dass allein die Eltern für die Ernährung ihrer Kinder verantwortlich seien. „Das heißt aber nicht, dass die Lebensmittelindustrie keine Verantwortung hat“, betonte Markwardt. „Wir müssen es den Eltern leichter machen.“ Dafür müsse der Staat den Herstellern klare Vorgaben machen. Zugleich müssten Kindergärten und Schulen werbe- und PR-freie Zonen werden. „Die Junkfood-Industrie ist kein geeigneter Partner für den Staat, für Schulen und für Sportverbände wie den Deutschen Fußball-Bund (DFB).“

Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung bestätigte, Kinderlebensmittel seien „im Prinzip überflüssig“. „In erster Linie sehen wir aber die Eltern in der Verantwortung. Ein Dreijähriger geht schließlich nicht selbst zum Einkaufen in den Supermarkt.“

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