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Studie: Fast jeder Vierte in Deutschland arbeitet für Niedriglohn

Fast jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland erhält einen Niedriglohn. 7,9 Millionen Menschen oder 23,1 Prozent der abhängig Beschäftigten arbeiten für einen Bruttostundenlohn von unter 9,15 Euro, wie aus einer Untersuchung der Universität Duisburg-Essen hervorgeht.

Duisburg/Essen (afp) – Fast jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland erhält einer Studie zufolge einen Niedriglohn. Rund 7,9 Millionen Menschen oder 23,1 Prozent der abhängig Beschäftigten arbeiten für einen Bruttolohn von unter 9,15 Euro je Stunde, wie aus einer Untersuchung der Universität Duisburg-Essen hervorgeht. Gewerkschaften, Verbände und Politiker forderten die Einführung eines Mindestlohns.

Die Untersuchung des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) analysierte die Entwicklung des Niedriglohn-Sektors seit Mitte der 90er Jahre. Zwischen 1995 und 2010 wuchs demnach die Zahl der Niedriglohn-Empfänger um 2,3 Millionen.

Diese Zunahme sei „fast ausschließlich“ auf die Entwicklung in Westdeutschland zurückzuführen, heißt es in der IAQ-Studie. Demnach wuchs die Zahl der Niedriglöhner in den alten Bundesländern um 68 Prozent, im Osten nur um drei Prozent. Jedoch arbeiteten in Ostdeutschland fast zwei Fünftel im Niedriglohnbereich, im Westen nur ein Fünftel der Beschäftigten.

Die durchschnittlichen Stundenlöhne im Niedriglohnsektor lägen „erheblich unter“ der Niedriglohn-Schwelle von 9,15 Euro, erklärten die Autoren. In Westdeutschland bekämen Niedriglöhner pro Stunde im Schnitt 6,68 Euro, im Osten 6,52 Euro. Knapp vier Prozent der Beschäftigten oder rund 1,36 Millionen erhielten pro Stunde sogar nur unter fünf Euro. Für rund 20 Prozent aller Beschäftigten würde demnach die Einführung des von Gewerkschaften geforderten Mindestlohns von 8,50 Euro ein Lohnplus bringen.

Bei Minijobbern besteht der Studie zufolge „das weitaus höchste Risiko“, für einen Niedriglohn arbeiten zu müssen. Weitere Bevölkerungsgruppen mit hohen Anteilen von Niedriglohn-Beschäftigten sind demnach die Unter-25-Jährigen, befristet Beschäftigte, Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung sowie Ausländer.

Die in der Untersuchung verwendete Niedriglohn-Schwelle berechneten die Forscher den Angaben zufolge mithilfe von Daten zu den durchschnittlichen Stundenlöhnen. Demnach entspricht die ermittelte Schwelle zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns. Einbezogen sind alle abhängig Vollzeit- und Teilzeit-Beschäftigten sowie Minijobber.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) wertete die Untersuchungsergebnisse als „Armutszeugnis für Deutschland“ und forderte erneut einen „echten, allgemeingültigen Mindestlohn“. Das Gastgewerbe gilt als Niedriglohn-Branche. Seit sich die CDU im November auf ihrem Parteitag erstmals für eine verbindliche Lohnuntergrenze ausgesprochen habe, sei nichts passiert, erklärte NGG-Chef Franz-Josef Möllenberg.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) schloss sich der Forderung an. Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sprach sich für einen gesetzlichen Mindestlohn aus. In der CDU forderte der Arbeitnehmerflügel die Bundesregierung zum Handeln auf. Die Union drohe „die Gerechtigkeitsdebatte zu verlieren, wenn sie nicht schnell für eine wirksame Lohnuntergrenze sorgt“, erklärte der Vize-Chef des Arbeitnehmerflügels, Christian Bäumler.

Ein Sprecher des CDU-geführten Bundesarbeitsministeriums sagte, die Regierungskoalition suche weiter nach einer Verständigung in der Angelegenheit. Eine Sprecherin des FDP-geführten Bundeswirtschaftsministeriums erklärte, für das Wirtschaftsressort seien die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP maßgeblich. Darin heißt es: „Einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn lehnen wir ab.“