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Leiharbeit verdrängt Stammbelegschaften nicht – schädigt aber das Vertrauen in Unternehmen und Demokratie

Leiharbeit verdrängt einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge nicht die Stammbelegschaften in Unternehmen. Zeitarbeiter dienten danach “vornehmlich als Arbeitskraft-Reserven”. Eine weitere kürzlich vorgelegte Studie der Stiftung belegt: Zeitarbeiter besitzen weniger Vertrauen in die Wirtschaftsordnung und die Demokratie als Vollzeitbeschäftigte.

Gütersloh (csr-news) – Leiharbeit verdrängt einer Studie zufolge nicht die Stammbelegschaften in Unternehmen. Zeitarbeiter dienten “vornehmlich als Arbeitskraft-Reserven” und seien für Deutschlands Unternehmen eine Möglichkeit, flexibel auf die Auftragslage zu reagieren, heißt es in einer gestern veröffentlichten Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Nun wenige Tage zuvor hatte die Stiftung eine Studie zu anderen Auswirkungen der Zeitarbeit vorgelegt: Danach besitzen Zeitarbeiter weniger Vertrauen in die Wirtschaftsordnung und die Demokratie als Vollzeitbeschäftigte.

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat in seiner Studie für die Bertelsmann Stiftung herausgefunden: Insgesamt ist in Unternehmen “nur sehr selten” ein gleichzeitiger Zuwachs an Leiharbeit und ein Abbau von Stammbelegschaften zu beobachten. Während der Wirtschaftskrise 2008 und 2009 sei dies nur in drei Prozent der Unternehmen zu beobachten gewesen, die sich Zeitarbeiter ausgeliehen hätten. Hingegen baute sogar knapp ein Viertel der Unternehmen Zeitarbeit ab, die Stammbelegschaften dagegen wuchsen.

Zeitarbeiter sind Beschäftigte, die sich Firmen bei speziellen Leiharbeit-Firmen ausleihen. Sie arbeiten im Normalfall jeweils nur für eine begrenzte Zeit in den Unternehmen, an die sie verliehen werden. Vor rund einem Jahrzehnt waren die Vorschriften für Leiharbeit gelockert worden. Seitdem verdreifachte sich die Zahl der Leiharbeiter bis Mitte 2011 laut Bundesagentur für Arbeit auf über 900.000.

Die RWI-Untersuchung zeigt, dass Leiharbeiter bei gleicher Qualifikation deutlich weniger verdienen als Stammbeschäftigte: In Westdeutschland erhält eine Zeitarbeitskraft mit Ausbildung demnach im Schnitt 47 Prozent weniger als ein regulärer Mitarbeiter, in Ostdeutschland sind es 36 Prozent weniger. Häufig sind demnach Lohnunterschiede zwischen Zeitarbeitern und regulären Beschäftigten in Westdeutschland größer als im Osten. Aart De Geus, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, schlug deshalb vor, Zeitarbeitern nach drei Monaten Einarbeitung die gleichen Löhne zu zahlen wie Stammbeschäftigten. Nach der bereits erfolgten Einführung des Mindestlohns für die Zeitarbeitsbranche wäre dies “der folgerichtige zweite Schritt”, erklärte De Geus. Bei Gleichbezahlung blieben Unternehmen weiter flexibel, erklärte De Geus. Jedoch müssten Zeitarbeiter dann nicht mehr dauerhaft die Kosten für die Flexibilität der Firmen tragen. Die Gleichbezahlung ist eine seit langem von Gewerkschaften erhobene Forderung.

Anfang März hatte die Bertelsmann Stiftung eine weniger beachtete Studie vorgelegt, die sich mit den Einstellungen von Zeitarbeitern und geringfügig Beschäftigten (sogenannte atypisch Beschäftigte) gegenüber dem politischen und wirtschaftlichen System in Deutschland befasste. Die von der Universität Bamberg durchgeführte repräsentative Befragung unter 1.633 Arbeitnehmern wies aus: Nur ein Viertel der Zeitarbeiter ist mit der Demokratie zufrieden – gegenüber 42 Prozent unter den Vollzeitbeschäftigten. Wäre morgen Bundestagswahl, würden unter den Zeitarbeitern voraussichtlich 10 Prozent weniger zur Wahl gehen als unter Normalbeschäftigten. 58 Prozent der Zeitarbeiter glauben, dass es in Deutschland ziemlich oder sehr ungerecht zugeht – gegenüber 36 Prozent der unbefristet Beschäftigten. Und: Je unsicherer das Beschäftigungsverhältnis, desto weniger identifizieren sich Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber. So möchte nur jeder zweite atypisch Beschäftigte an seiner derzeitigen Arbeitsstelle weiterbeschäftigt werden – gegenüber 71 Prozent der Vollzeitbeschäftigten.