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3.000 ermordete Gewerkschaftler in Kolumbien: Bieten Unternehmen ausreichend Schutz?

Gewerkschaften in Kolumbien haben in jedem Jahr zahlreiche Todesopfer zu beklagen: In der Regel Funktionäre, die in die Schusslinie krimineller Vereinigungen gerieten. Ein kolumbianischer Gewerkschafter bekalgt bei seiner Reise durch Deutschland derzeit die Untätigkeit von Konzernen. CSR NEWS sprach darüber mit Experten in Kolumbien.

Bogota (csr-news) – Gewerkschaften in Kolumbien haben in jedem Jahr zahlreiche Todesopfer zu beklagen: In der Regel Funktionäre, die in die Schusslinie krimineller Vereinigungen gerieten. Das erschwert ihren Kampf für die Arbeiterrechte, in dem es noch vieles zu tun gibt – auch in internationalen Konzernen. Das zumindest berichtete Carlos Olaya von der kolumbianischen Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal Ende März in Köln gegenüber Journalisten. Olaya besuchte die Domstadt auf Einladung des Bundes der katholischen Jugend (BDKJ). Der Dachverband katholischer Jugendorganisationen ruft zu einem Boykott von Coca Cola-Getränken auf, und Olaya nannte den Grund:

Bei dem Getränkekonzern gebe es einen hohen Anteil von Arbeitsrechtsverletzungen und Behinderungen gewerkschaftlicher Tätigkeit. Ähnliches geschehe in vielen anderen Unternehmen ebenfalls, aber „Coca Cola sticht durch Aggressivität hervor“, so Olaya. Bei Dienstleistern, die Coca Cola-Getränke abfüllen, gebe es bis zu 80 Prozent Beschäftigte in Subunternehmen. Dadurch würden Arbeitsrechte ausgehebelt. Der Gewerkschaftler wirft dem Konzern vor, gemeinsam mit dem Staat gegen die Gewerkschaften vorzugehen. Indem der Staat führende Gewerkschaftler mit dem Vorwurf des Terrorismus belege, erschwere er deren Arbeit. Der Coca Cola-Boykott biete eine Chance, international für freie Gewerkschaften zu werben. In der Begründung zum Boykott-Aufruf hält der BDKJ dem Unternehmen vor, es fehle an Aufklärungsbereitschaft zu Mordfällen unter der Belegschaft.

Notfalltelefone für bedrohte Gewerkschaftler

Sinaltrainal ist von Gewalt gegen ihre Funktionäre besonders betroffen, 27 ihrer Führer kamen bisher ums Leben. Entsprechend tief sitzt das Misstrauen – gegen den Staat und die Unternehmen, denen die Lebensmittelgewerkschaft unterlassene Hilfeleistung vorwirft. Auf Anfragen von CSR NEWS verwies eine Sprecherin von Coca Cola Deutschland auf Schutzprogramme des Konzerns für mit Gewalt konfrontierte Mitarbeiter in Kolumbien. Bei Bedrohungen erhielten sie Sonderurlaub, einen Transport zur Arbeit oder ein Notfallmobiltelefon. Zudem seien 30 Prozent der Coca Cola-Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert. Im Landesdurchschnitt sind es nur knapp 4 Prozent. Es gelte eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden und gezahlt werde mit etwa 900 USD für einen Produktionsarbeiter überdurchschnittlich gut. Diese Regeln seien in Supplier Guidelines festgeschrieben, gälten damit auch für Zulieferer und ihre Einhaltung werde durch unabhängige Auditoren überprüft.

Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution

Wie CSR NEWS aus Gewerkschafterkreisen in Kolumbien erfuhr, prägt die Bedrohungslage das Leben vieler Funktionäre: Sie reisen in gepanzerten Limousinen und umgeben von Leibwächtern. Seit 1986 verloren über 2.800 Gewerkschaftler ihr Leben in dem Land, dessen Alltag durch den Konflikt bewaffneter Banden gekennzeichnet ist. Diese Gruppen rekrutieren sich zu Teilen aus ehemaligen rechtsextremen Paramilitärs und wohl auch aus linken Guerillas. Ihre Geschäfte sind der Drogenhandel, die Schutzgelderpressung und Prostitution. Sie herrschen in manchem Landstrich und sollen in jeder dritten kolumbianischen Stadt aktiv sein. Militär und Polizei stellen sich den Herausforderungen dieser Banden sowie der Guerillagruppen und der verbliebenen Paramilitärs, es fehlt ihnen aber an Durchschlagskraft. Darunter leiden nicht nur Gewerkschafter: Bei den Kommunal- und Provinzwahlen im vergangenen Oktober wurden 42 Kandidaten ermordet.

Die seit August 2010 amtierende Regierung der „Nationalen Einheit“ von Präsident Juan Manuel Santos kann in Bezug auf die Sicherheitslage in Kolumbien Erfolge aufweisen. Dem von Santos initiierten Dialog zwischen Regierung, Gewerkschaften und Unternehmensverbänden verweigert sich jedoch der größte der drei Gewerkschaftsdachverbände, die Confederatión de Trabajadores de Colombia (CUT). Dieser Zusammenschluss wird von einer links-sozialistischen Mehrheitsfraktion dominiert. Auch die Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal gehört der CUT an.

Ein verbesserter Polizeischutz für Gewerkschaftsfunktionäre, zusätzliche Arbeitsschutzinspekteure und weitere Staatsanwälte, die Morde an Gewerkschaftlern aufklären sollen, entsprechen wohl nicht nur innenpolitischen Einsichten: Sie sind Teil eines Freihandelsabkommens zwischen den USA und Kolumbien, das im kommenden Jahr in Kraft treten soll. Jedenfalls zeigen die Bemühungen Wirkung: Während zu „Spitzenzeiten“ im Jahr 1996 insgesamt 277 Gewerkschaftler ihr Leben einbüßten, hatten die Arbeitnehmerorganisationen 2010 noch 51 und im vergangenen Jahr 29 Tote zu beklagen.

Dass internationale Konzerne die Bedrohung von Gewerkschaftlern für ihre Zwecke ausnutzten oder zu deren Schutz bestehende Gesetze verletzen, verneinen auch Gewerkschaftsexperten in Kolumbien. Ob sie allerdings in moralischer Sicht ihrer Verantwortung für den Schutz dieser Mitarbeiter gerecht würden, müsse bezweifelt werden, heißt es dort. Sinaltrainal und eine europäische Menschenrechtsorganisation verklagen derzeit den ebenfalls in Kolumbien tätigen Konzern Nestlé in der Schweiz. Eine Sinaltrainal-Klage gegen Coca Cola war im US-Bundesstaat Florida gescheitert.

Foto: Carlos Olaya von der kolumbianischen Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal in Köln