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Wirtschaftswissenschaften nutzen der Gesellschaft wenig: 97 Ökonomen fordern Reform

In Deutschland gefährden Fehlentwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften deren Nutzen für die Gesellschaft: In der Lehre dominiere ein Paradigma – das von der „Fürsprache des Marktes“ – alle anderen, heißt es in dem von 97 Professoren unterzeichneten Memorandum „Für eine Erneuerung der Ökonomie“.

Berlin (csr-news) – In Deutschland gefährden Fehlentwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften deren Nutzen für die Gesellschaft: In der Lehre dominiere ein Paradigma – das von der „Fürsprache des Marktes“ – alle anderen, heißt es in dem von der Me’M Denkfabrik für Wirtschaftsethik verbreiteten Memorandum „Für eine Erneuerung der Ökonomie“. Es ist von 97 Professoren dieser oder verwandter Disziplinen unterzeichnet. Das Memorandum wendet sich gegen die Eingleisigkeit wirtschaftswissenschaftlicher Forschung und Lehre in Deutschland. Wer sich dem vorherrschenden Paradigma als Nachwuchswissenschaftler nicht verschreibe, besitze geringe Karrierechancen; daran vorbeigehende Forschungsarbeiten brächten keine „wirtschaftliche Rendite“. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland schlecht dar, in anderen Ländern fände auch ein „New Economic Thinking“ Raum.

Zugleich verweist das Memorandum auf die gesellschaftliche Bedeutung der Wirtschaftswissenschaften: So befürchteten Personalverantwortliche von Unternehmen, „dass das Wirtschaftsstudium in seiner heutigen Form einer ethisch fragwürdigen Ökonomisierung des Denkens Vorschub leistet“. Die überwiegende Mehrheit der Volkswirte habe die derzeitige Finanzkrise nicht vorausgesehen, sondern nach Ansicht vieler Beobachter die theoretischen Grundlagen für eine krisenverursachende oder -verschärfende Wirtschaftspolitik gelegt. Als Zuarbeiter für eine neoliberale oder marktkonforme Politik hätten Ökonomen zu wachsenden Einkommens- und Vermögensdisparitäten beigetragen.

Die Unterzeichner des Memorandums fordern den Wissenschaftsrat auf, „die wissenschaftspolitischen Weichen so zu stellen, dass innerhalb der Wirtschaftswissenschaften wieder eine paradigmatische Pluralität von Sichtweisen Einzug hält“. Erforderlich seien heterodoxe und interdisziplinäre Inhalte in den Lehrplänen und die Integration von Veranstaltungen, die sich mit den praktischen Folgen der wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung ethisch-kritisch auseinandersetzen. Finanzkräftige Interessen dürften die wissenschaftlich notwendige pluralistische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften nicht unterlaufen.

„Die Wirtschaftswissenschaften haben sich seit Jahrzehnten dogmatisch verkapselt“, so Ulrich Thielemann, Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik, in einer Presseerklärung zum Memorandum. Dies sei kein rein akademisches Problem, sondern von hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung. Thielemann weiter: „In einer Gesellschaft, in der ökonomische Rationalitätsmuster immer weitere Lebensbereiche umgreifen und ökonomisieren, bedarf es einer distanzierten Perspektive, die diese Entwicklungen beurteilbar macht.“

Das Memorandum im Internet:
http://www.mem-wirtschaftsethik.de/memorandum-2012/

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