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Kreuzfahrtschiffe: Der grüne Schein

Seit einem Jahr hat die Umweltorganisation NABU die Kreuzfahrtindustrie im Visier. Für die Kampagne „Mir stinkts! Kreuzfahrtschiffe sauber machen“ wurde heute Bilanz gezogen. NABU-Geschäftführer Klaus Miller: „Die meisten Kreuzfahrtreedereien sind noch meilenweit vom nachhaltigen Wirtschaften entfernt“.

Berlin/Köln (csr-news) > Seit einem Jahr hat die Umweltorganisation NABU die Kreuzfahrtindustrie im Visier. Für die Kampagne „Mir stinkts! Kreuzfahrtschiffe sauber machen“ wurde heute Bilanz gezogen. NABU-Geschäftführer Klaus Miller: „Die meisten Kreuzfahrtreedereien sind noch meilenweit vom nachhaltigen Wirtschaften entfernt“.

Urlaub auf den Weltmeeren gehört heute zum normalen Angebot der Reiseveranstalter und verzeichnet seit Jahren steigendende Passagierzahlen. Allein im letzten Jahr gingen rund 1,4 Millionen Bundesbürger auf Kreuzfahrt, weltweit sind es mehr als 19 Millionen. Ein Boom, der auch seine Schattenseiten hat, der Betrieb der Ozeanriesen mit Schweröl ist Umweltorganisationen schon lange ein Dorn im Auge. Freilich werden die mit schwarzem Ruß verhangenen Schiffe nie in den Katalogen der Anbieter abgebildet, dort setzt man natürlich lieber auf Sonne und strahlend blauen Himmel. Im Rahmen ihrer Kampagne hatte NABU auch zu einem Fotowettbewerb „Rauchende Schlotte im Bild“ aufgerufen und die eingereichten Beiträge mit den Abbildungen der Kataloge verglichen. „Kataloge, Internetseiten und Plakate fast aller Kreuzfahrtreeder zeigen eine geschönte Traumwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat. Die meisten Fotos von AIDA und Co. wurden nach Einschätzung von Grafikern nachträglich am Computer bearbeitet. Dies grenzt an Kundentäuschung, denn der Passagier soll offensichtlich nicht an die umwelt- und gesundheitsschädlichen Abgase erinnert werden“, vermutet NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger.

Genau die sind aber eines der größten Probleme dieser schwimmenden Kleinstädte, die hauptsächlich mit Schweröl betrieben werden, einem Abfallprodukt aus der Erdölraffinerie, mit einem hohen Anteil an Schwefel, Asche, Schwermetallen und anderen giftigen Substanzen. Die Emissionen sind nach Aussagen des NABU auch deshalb problematisch, weil Kreuzfahrtschiffe oftmals in der Nähe von Küsten unterwegs sind und somit eine große gesundheitliche Gefahr darstellen. Allein in Europa würden jährlich rund 50.000 Menschen durch Schiffsemissionen vorzeitig sterben, teilt der NABU mit und stützt sich dabei auf eine Untersuchung des „dänischen Center for Energy, Environment ans Health“ (CEEH). Tatsächlich sind konkrete Emissionsdaten häufig nicht verfügbar, räumt der NABU ein, was unter anderem auf die Weigerung der Anbieter zurückzuführen ist, detaillierte Emissionsdaten zu veröffentlichen. Unstrittig ist jedoch der enorme schädliche Ausstoß beispielsweise von Schwefeloxid- und Stickoxidemissionen. Der NABU fordert deshalb den verbindlichen Einsatz von Partikelfiltern, moderner Abgastechnologien und den Verzicht auf Schweröl. Nach seinen Berechnungen entspricht der durchschnittliche Schadstoffausstoß eines Kreuzfahrtschiffes, dem von fünf Millionen PKW. Für Unsinn hält dies der Anbieter AIDA und lässt den Schifffahrtsexperten Prof. Holger Watter nachrechnen, mit anderen Ergebnissen. Nach seiner Rechnung entsprechen rund 1000 Autos einem Kreuzfahrtschiff, denn „ein Drittel der Energie eines Kleinwagens verbrauche ein Kreuzfahrtschiff pro Kopf. Gekontert wird dies wieder vom NABU, der den Verkehrsexperten Dr. Axel Friedrich dransetzte und so zu einer nochmals verschlechterten Bilanz kommt. Etwas auf der Strecke bleibt dabei, dass die Kreuzfahrtindustrie trotz des Booms nur weniger als ein Prozent des weltweiten Schiffsverkehrs ausmacht.

Dennoch setzt die deutsche Kreuzfahrtbranche auf Nachhaltigkeit und will den Spritverbrauch verringern und die Emissionen reduzieren. Sebastian Ahrens vom Ausschuss Schiff des Deutschen Reise Verband (DRV): „Vor allem im Neubaubereich erwarten wir eine ganze Reihe technischer Neuerungen“. Bei den Emissionen liegt der Schwerpunkt auf einer Kombination der Faktoren Vermeidung, Verringerung des Treibstoffverbrauchs, Verbesserung der Treibstoffqualität und Abgasbehandlung. Als erstes Schiff wird im nächsten Jahr die „MS Europa 2“ von Hapag Lloyd mit einem Stickoxidkatalysator vom Stapel laufen. Auch TUI setzt bei aktuellen Neubauten auf diese Technologie. Für NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger ist das eine neue Dimension im Schiffbau: „Mit dem erstmaligen Einsatz eines Stickoxidkatalysators in einem Kreuzfahrtschiff deutet sich eine Umweltrevolution auf See an. Dies ist ein wesentlicher Schritt, durch den Stickoxide fast vollständig aus dem Abgas verschwinden“. Damit sieht der NABU erste Ziele seiner Kampagne erreicht, nämlich zu zeigen, dass Abgastechnik für Hochseeschiffe nicht nur verfügbar und wirkungsvoll, sondern vor allem auch einsetzbar ist. Dem widersprechen Schiffsexperten, denn nicht alles was theoretisch möglich ist, steht auch als einsetzbare Technologie am Markt zur Verfügung.

Letztlich geht es nicht nur um neue Technologien, beispielsweise kann durch die Reduzierung der Durchschnittsgeschwindigkeit, das sogenannte „Slow Steaming“ der Kraftstoffverbrauch erheblich reduziert werden. Eine Maßnahme, die inzwischen von den meisten Anbietern eingesetzt wird. Aber es gibt noch eine Vielzahl weiterer Themen, mit denen sich die Branche beschäftigen muss, von der Wasseraufbereitung bis hin zur Stromnutzung in den Häfen. Ahrens: „Ein Kreuzfahrtschiff ist wie eine kleine Stadt. Wenn man diese Faktoren berücksichtigt und sich anschaut, was die Branche in den letzten Jahren im Umweltschutz verwirklicht hat, dann sind wir für meine Begriffe vorbildlich“.

Links zum Thema:

– der aktuelle ECC-Report 2011/2012 des „European Cruise Council“ zum download.

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Thomas Feldhaus

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