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Gemeinnützige Ratingagentur soll Branchenführern Konkurrenz machen

Gütersloh (afp) – In der Diskussion um die Gründung einer europäischen Ratingagentur als Gegengewicht zu den drei marktbeherrschenden US-Agenturen hat die Bertelsmann-Stiftung ein eigenes Konzept vorgelegt. Als Konkurrenz zu den US-Agenturen könne künftig eine gemeinnützige internationale Agentur die Kreditwürdigkeit von Staaten bewerten, erklärte Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, am Dienstag in Gütersloh. Eine solche zusätzliche, unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken werde dringend benötigt.

Die “fragwürdige Beurteilung” der Kreditwürdigkeit von Staaten habe “erheblich zu der jüngsten Finanzkrise” im Euro-Raum beigetragen, kritisierte Thielen. Eine gemeinnützige internationale Agentur könne vor diesem Hintergrund das Interesse der Investoren an verlässlichen Ratings und die Bestrebungen von Regierungen und der Öffentlichkeit nach mehr Transparenz in Einklang bringen.

Finanziert werden könnte eine solche internationale Agentur durch einen Fonds mit einem Volumen von 400 Millionen Dollar (rund 300 Millionen Euro), wie Thielen erklärte. In den Fonds einzahlen könnten Regierungen, Unternehmen, Stiftungen oder private Förderer. Er könne die Kosten für ein internationales Netzwerk von Büros zwischen 15 und 24 Millionen Dollar pro Jahr durch jährliche Ausschüttungen decken.

Um die Qualität von Risikobewertungen zu erhöhen, könnte die von der Bertelsmann-Stiftung vorgeschlagene “International Non-Profit Credit Rating Agency” (INCRA) auch zukunftsgerichtete Faktoren einbeziehen, wie Thielen erklärte. Solche Indikatoren spiegelten gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen auf die Rückzahlung von Staatsschulden wider. Aber auch die Regierungspolitik und der Stand der Korruption in einem Land könnten einbezogen werden, erklärte Thielen.

Der Grünen-Finanzexperte im Europaparlament, Sven Giegold, schlug indes die Einführung einer Abgabe der großen Ratingagenturen zum Aufbau einer europäischen Ratingstiftung vor. “Wir brauchen eine unabhängige europäische Ratingstiftung”, erklärte Giegold. “Um eine unabhängige Finanzierung der Stiftung zu garantieren, schlagen wir vor, eine europäische Sondersteuer auf die Milliardengewinne der großen Ratingagenturen zu erheben.” Aus den Erträgen einer solchen Steuer solle der Kapitalstock einer europäischen Ratingstiftung gefüllt werden, um diese so unabhängig zu machen.

In den vergangenen Tagen wurde wieder verstärkt über die Gründung einer europäischen Ratingagentur diskutiert. Eine entsprechende Initiative unter Führung der Unternehmensberatung Roland Berger steht einem Zeitungsbericht zufolge vor dem Scheitern. Roland Berger geht demnach davon aus, das benötigte Startkapital von 300 Millionen Euro nicht zusammenzubekommen.

Ratingagenturen sind Unternehmen, welche die Kreditwürdigkeit und Ausfallrisiken von Unternehmen, Ländern und von deren Wertpapieren bewerten. Den weltweiten Markt beherrschen die drei US-Unternehmen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch.