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Modelbusiness: Schlank – aber bitte gesund!

Schönheit und Gesundheit gehören zusammen“ ist Jonathan Newhouse, Chairman der Verlagsgruppe Conde Nast, überzeugt. In seinem Haus wird die Modezeitschrift Vogue mit 19 internationalen Ausgaben produziert. Mit einer weltweiten Health-Initiative wollen die Chefredakteurinnen zukünftig mehr Verantwortung übernehmen. Eine sinnvolle Kampagne? CSR NEWS hat in der Branche nachgefragt.

London/Köln (csr-news) > „Schönheit und Gesundheit gehören zusammen“ ist Jonathan Newhouse, Chairman der Verlagsgruppe Conde Nast, überzeugt. In seinem Haus wird die Modezeitschrift Vogue mit 19 internationalen Ausgaben produziert. Mit einer weltweiten Health-Initiative wollen die Chefredakteurinnen zukünftig mehr Verantwortung übernehmen. Eine sinnvolle Kampagne? CSR NEWS hat in der Branche nachgefragt.

„Die Vogue ist unsere Bibel“, so der Inhaber einer internationalen Modelagentur, „was die vormachen, wird in der Branche nachgemacht“. Rund 1,6 Millionen Leser pro Ausgabe erreicht alleine die deutsche Vogue. Sie gilt als das Flaggschiff einer Branche, in der Eitelkeiten und gutes Aussehen überlebenswichtig erscheinen. „Aber bitte nicht auf Kosten der Gesundheit“, lautet nun das neue Credo, ausgegeben von 19 Chefredakteurinnen, die selbst Treiber einer Entwicklung sind, die schon seit Längerem für Diskussionsstoff sorgt. Ab Juni ist Schluss damit, dann wird es keine Fotostrecken oder Titelbilder mehr mit sogenannten „Magermodels“ oder sehr jungen Mädchen in den Ausgaben der Vogue geben. ‚Health-Initiative‘ nennt sich die sechs Punkte umfassende Vereinbarung. Künftig sollen ausschließlich Models, die „objektiv betrachtet“ gesund sind, beschäftigt werden. Die Kontrolle von Personalausweisen soll die Beschäftigung Minderjähriger verhindern, und erfahrenere Models sollen im Rahmen von Mentorenprogrammen und Patenschaften den Jüngeren beratend zur Seite stehen. Aber die Kampagne soll auch in der Branche ihre Wirkung entfalten: „Wir werden bei jeder sich uns bietenden Gelegenheit die Botschaft eines gesunden Körperbildes verbreiten und unseren Einfluss geltend machen“, heißt es in der Vereinbarung. Zudem soll auf die Designer eingewirkt werden, nicht über unrealistische kleine Mustergrößen den Einsatz extrem dünner Models zu begünstigen. Das Bewusstsein für die Problematik soll durch Aufklärung in der Branche erhöht werden, angelehnt an die Gesundheitsinitiative des CFDA, des Berufsverbandes der amerikanischen Modedesigner. „Mit der Health-Initiative liegt die Vogue ganz im Trend, wieder Normales als richtig und wichtig darzustellen“, so Claudia Ollenhauer, Sprecherin des Verbandes deutscher Mode- und Textildesigner (VDMD).

Hang zu essgestörtem Verhalten

Spätestens seit Ende 2010 das französische Model Isabelle Caro an ihrer Magersucht verstarb, wird das Thema in der Modewelt und darüber hinaus kontrovers diskutiert. Tanja Croonen, Sprecherin des Modeverband Deutschland: „Wir beobachten seit einigen Jahren den Trend zu Magermodels sehr besorgt. Insofern halten wir die Initiative der Vogue für gut und längst fällig.“ Dabei hat sich in den letzten Jahren schon einiges getan. Von zahlreichen Initiativen wie „Leben hat Gewicht“, an der sich der Modeverband aktiv beteiligt, bis hin zu gesundheitsfördernden Schulungsmaßnahmen in den Modelagenturen. Die Mailänder Modemesse hat sich entschieden, nur noch normalgewichtige Models einzusetzen, und in Israel wurde sogar ein Gesetz gegen den Einsatz von Magermodels in der Werbung verabschiedet. Dennoch scheint das Problem nach wie vor zu bestehen, wenn auch nicht im täglichen Geschäft der Modelagenturen, in dem es um Werbeaufnahmen und Katalogproduktionen geht. „Das Problem besteht hauptsächlich auf den Laufstegen und den Hochglanzmagazinen der Haute Couture“, so die verbreitete Meinung der Modelagenten. „Aber es gibt natürlich einen großen Hang zu gestörtem Essverhalten in unserer Branche. Leider“, sagt Sylvia Berger, Inhaberin einer Agentur und früher selbst aktives Model. Denn die Vorbilder der jungen Mädchen sind die bekannten Models auf den internationalen Laufstegen der Modewelt. Dahin wollen sie auch und sind bereit, dafür auch ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. „Essstörungen bei jungen Mädchen haben deutlich zugenommen. Das hängt auch mit der Vorbildfunktion der Magermodels in den Zeitschriften und Fernsehsendungen zusammen“, so Rita Pawelski, Sprecherin der „Gruppe der Frauen“ in der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. „Die Initiative der Vogue wird deshalb von uns ausnahmslos unterstützt. Wir fordern deshalb auch andere Frauenzeitschriften und TV-Sender dazu auf, künftig auf Magermodels zu verzichten“. Bereits 2010 hat sich das Frauenmagazin „Brigitte“ dazu entschlossen, komplett auf professionelle Models in den Heften zu verzichten. Der Entwicklung der Zeitschrift hat es nicht geschadet. Die „Brigitte“- Chefredakteure Brigitte Huber und Andreas Lebert begrüßen die Initiative der Vogue: „Das ist ein wichtiges Signal für Frauen und ein wichtiger Appell an die Modebranche. Gerade wir Medien tragen eine nicht zu unterschätzende Verantwortung, wenn es um die Verbreitung und Manifestierung von Schönheitsidealen geht“. Die Vogue als „das“ internationale Modemagazin kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, an diesem Punkt scheint in der Branche Einigkeit zu herrschen.

Die sechs Punkte der Health-Initiative:

1. Wir arbeiten grundsätzlich nicht wissentlich mit Models, die unter 16 Jahre alt sind oder an Essstörungen leiden. Es soll ausschließlich mit Models zusammengearbeitet werden, die, objektiv betrachtet, gesund sind und dazu beitragen, ein gesundes Körperbild zu fördern.

2. Bei Castings, Fashion Shows und Werbekampagnen sollen die Personalausweise der Models überprüft werden, um sicherzustellen, dass keine Minderjährigen beschäftigt werden.

3. Wir werden die Einrichtung von Patenschaften/Mentoren-Programmen fördern, bei denen erfahrene Models jüngeren Models beratend zur Seite stehen. Außerdem werden wir dabei helfen, branchenweit das Bewusstsein durch Aufklärung zu erhöhen, wie es auch Teil der Gesundheitsinitiative des CFDA ist.

4. Wir wollen daran mitwirken und dazu auffordern, dass Backstage bei Fashion-Shows und Foto-Produktionen gesundheitsbewusste Arbeitsbedingungen gegeben sind. Wir werden Model-Agenten dazu anhalten, junge Models nicht unverhältnismäßig lange arbeiten zu lassen.

5. Wir werden Designer bitten, die Folgen unrealistisch kleiner Mustergrößen ihrer Kleidung zu bedenken, welche die Auswahl an Frauen, die ihre Mode tragen können, begrenzt und den Einsatz extrem dünner Models begünstigt.

6. Wir werden nicht nur in den Vogue Magazinen verstärkt die Botschaft eines gesunden Körperbildes verbreiten, sondern bei jeder sich uns bietenden Gelegenheit, bei der wir unseren Einfluss geltend machen können.