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„Fangprämie“ für Patienten bei Ärzten und Kliniken gängige Praxis

Berlin (afp) – Ärzte und Krankenhäuser kassieren in vielen Fällen illegale Extra-Honorare für die Überweisung von Patienten. Sogenannte Fangprämien seien im deutschen Gesundheitswesen keine Ausnahme, sondern gängige Praxis, wie aus einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Studie im Auftrag des Kassen-Spitzenverbandes hervorgeht. Ärzteschaft und Kliniken wiesen die Vorwürfe als haltlos zurück.

Für die repräsentative Studie der Uni Halle-Wittenberg im Auftrag des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurden rund 1140 niedergelassene Ärzte, leitende Angestellte von stationäre Einrichtungen und nichtärztliche Leistungserbringer wie Optiker, Krankengymnasten oder Hörgeräteakustiker befragt.

Danach halten 14 Prozent der Ärzte und knapp ein Viertel der stationären Einrichtungen (24 Prozent) es für eine übliche Praxis, dass Patienten gegen Prämiengelder oder Sachleistungen wie Tagungskosten zu bestimmten Medizinern, Kliniken oder auch Physiotherapeuten überwiesen werden. Bei den nichtärztlichen Leistungserbringern meint sogar fast die Hälfte (46 Prozent), „Fangprämien“ seien weit verbreitet.

GKV-Vorstand Gernot Kiefer sprach von einem „Skandal“. Hochgerechnet würden damit heute mehr als 27.000 niedergelassene Vertragsärzte gegen das Berufsrecht verstoßen. Er sprach von einem erheblichen „Korruptionspotenzial“. Fehlende Kontrollen und Sanktionen ließen „Fangprämien“ aber offenbar „als risikoarmes Kavaliersdelikt erscheinen“. Als Konsequenz kündigte Kiefer an, die Kassen wollten Vertragsärzten dafür notfalls die Zulassung entziehen lassen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, bezweifelte dagegen die Seriosität der Zahlen und warf den Kassen eine „Diffamierung“ der Ärzteschaft vor. Statt pauschale Verdächtigungen auszustreuen, sollten sich die Kassen besser um Sachaufklärung bemühen und „Ross und Reiter nennen“, forderte Montgomery am Rande des Ärztetages in Nürnberg.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, warf den Kassen Böswilligkeit und üble Nachrede vor. Sie beschädigten das Miteinander von Kliniken und Ärzten, erklärte er.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn erklärte, jeder einzelne Fall von „Fangprämien“ sei zu viel: „Fangprämien füllen nur das Portemonnaie der Ärzte.“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach bei Bild.de von Mafia-Verhältnissen, „die einen Riesen-Schaden verursachen“. Der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Edgar Franke, forderte eine Gesetzesverschärfung. Die bisherigen Gesetzesregelungen reichten nicht aus. Nötig seien ein spezieller Straftatbestand für Korruption im Gesundheitswesen und Schwerpunktstaatsanwaltschaften in allen Bundesländern, sagte Franke der „Rheinischen Post“ (Mittwochausgabe).

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Martina Bunge, erklärte in Berlin, „Fangprämien“ seien Folge einer zunehmenden Privatisierung des Gesundheitssystems und des knallharten Wettbewerbs „um Patienten und Geld“.

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