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Geringverdiener arbeiten oft über 50 Stunden pro Woche

Berlin (afp) – Fast 900.000 Geringverdiener in Deutschland arbeiten pro Woche fünfzig Stunden und mehr, um ihre Existenz zu sichern. Nur unter Gutverdienern gibt es ähnlich lange Arbeitszeiten, ergab eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Während das DIW dennoch einen Mindestlohn zurückhaltend bewertet, sprachen sich Grüne, Linke und Gewerkschaftsvertreter erneut dafür aus.

Als Geringverdiener gelten Arbeitnehmer, die weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns erhalten. 2010 lag die Schwelle bei 9,26 Euro brutto. Der Studie zufolge kassierten die Geringverdiener de facto allerdings deutlich geringere Stundenlöhne: Im Mittelwert betrug der Bruttolohn 7,18 Euro.

Insgesamt gab es laut DIW 2010 gut 7,3 Millionen Menschen mit einem Niedrig-Stundenlohn, knapp 3,5 Millionen davon arbeiteten Vollzeit. Im Durchschnitt mussten die Niedriglohn-Empfänger 45 Stunden pro Woche arbeiten und damit zwei Stunden mehr als alle anderen Vollzeitkräfte – ein Viertel der Vollzeit arbeitenden Niedriglohnbezieher sogar 50 Stunden und mehr. Besonders Kraftfahrer, Lagerarbeiter und Beschäftigte im Gastgewerbe kommen auf solche extrem langen Arbeitszeiten. Ähnliche Arbeitszeiten finden sich nur in der Gruppe der Menschen mit einem Bruttolohn ab 4800 Euro im Monat.

DIW-Studienautor Karl Brenke bewertete es als „sozialpolitisches Problem“, wenn diese Menschen nur mit sehr langen Arbeitszeiten über die Runden kämen. Die Beschäftigten riskierten gesundheitliche Beeinträchtigungen. Die Gesellschaft koste dies Geld. Laut Arbeitszeitgesetz dürfe die Wochenarbeitszeit zudem nicht dauerhaft länger als 48 Stunden sein.

Mit Blick auf die in Deutschland geführte Debatte über die Einführung flächendeckender Mindestlöhne verwies der Experte darauf, dass es stark unterschiedliche Studien zu den möglichen Folgen für die Wirtschaft gebe. Ein Teil der Studien gehe von schädlichen Wirkungen für die Beschäftigung aus, ein anderer Teil nicht. „Wenn in Deutschland gesetzlich geregelte Mindestlöhne eingeführt werden, wird dies ein Feldexperiment sein, dessen positiver Ausgang nicht garantiert ist.“ Um negative Folgen zu vermeiden, müsse auf jeden Fall behutsam vorgegangen werden.

Die Grünen-Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer erklärte den flächendeckenden Mindestlohn hingegen zum Rezept gegen Armut und mögliche Folgen der langen Arbeitszeiten wie etwa Krankheiten. „Nur damit kann sichergestellt werden, dass mit einem Vollzeitjob auch der Lebensunterhalt verdient werden kann.“

Die Linken-Arbeitsmarktexpertin Jutta Krellmann bekräftigte die Forderung ihrer Partei nach zehn Euro Mindestlohn pro Stunde. Dies sei ein zentraler Baustein, um die soziale Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wieder herzustellen. „Wir müssen die Ausbeutung in prekären Stressjobs endlich stoppen und den Menschen wieder eine Perspektive für gute Arbeits- und Lebensbedingungen geben.“

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bekräftigte ihre Forderung nach einem flächendeckenden Mindestlohn, sie taxiert diesen auf 8,50 Euro je Stunde. „Die Erwerbseinkommen würden um 14,5 Milliarden Euro steigen, die Ausgaben des Staates zum ‚Aufstocken‘ von Hungerlöhnen um mindestens sieben Milliarden Euro sinken“, erklärte Gewerkschaftschef Franz-Josef Möllenberg.

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