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Das Dauer-Missverständnis: Die Person Josef Ackermann polarisiert die Öffentlichkeit

Hoch geachtet und scharf kritisiert: Bis zum Ende seiner Amtszeit polarisiert die Person Josef Ackermann. Auf dem Chefsessel der Deutschen Bank formte er Deutschlands größtes Geldhaus zu einem Global Player. Ackermann zog jedoch auch immer wieder Kritik auf sich, weil es ihm an Fingerspitzengefühl für gesellschaftliche Befindlichkeiten fehlte.

Frankfurt/Main (afp) – Hoch geachtet und scharf kritisiert: Bis zum Ende seiner Amtszeit polarisiert die Person Josef Ackermann. In den zehn Jahren auf dem Chefsessel der Deutschen Bank formte er Deutschlands größtes Geldhaus zu einem Global Player, einem ernstzunehmenden Spieler in der internationalen Hochfinanz. Ackermann zog jedoch auch immer wieder Kritik auf sich, weil es ihm an Fingerspitzengefühl für gesellschaftliche Befindlichkeiten fehlte. Am Donnerstag nun tritt Ackermann ab. Ihm folgt eine Doppelspitze. Eine Person alleine konnte den Ansprüchen an einen Nachfolger nicht genügen.

Vielleicht war es der Gerichtsprozess um die Mannesmann-Affäre 2004, mit dem Ackermann erstmals die breite Öffentlichkeit gegen sich aufbrachte. In dem Prozess ging es um die viele Millionen Euro schwere Zahlung von Prämien an Mannesmann-Vorstände, die bei der Übernahme des deutschen Traditionskonzerns durch das britische Mobilfunkunternehmen Vodafone flossen. Ackermann machte damals zu Prozessbeginn mit seinen Fingern ein Victory-Zeichen in die Kameras. Vielen gilt diese Geste seitdem als Symbol für die Kaltschnäuzigkeit und Arroganz der Finanzbranche.

Für Ackermann war es nur eine beiläufige Geste. Er selbst sagte damals, als Angeklagter habe er vor Anwesenden und Medien nur ungezwungen wirken wollen. Deswegen habe er den mittlerweile verstorbenen Popstar Michael Jackson mit der Geste nachahmen wollen, der kurz zuvor wegen Kinderschändung vor einem US-Gericht stand. Vielleicht hatte Ackermann die Folge nicht kalkuliert. Seine Beziehung zur deutschen Öffentlichkeit wirkte jedenfalls noch Jahre danach wie ein Dauer-Missverständnis.

Ackermann erregte immer wieder die Gemüter. Bereits bei seinem Amtsantritt 2002 als Vorstandssprecher sorgte er mit Umbauplänen für die Bank für Wirbel. Der Ärger blieb damals noch weitgehend im Konzern.

Mit der Bekanntgabe eines massiven Stellenabbaus 2005 entfachte Ackermann jedoch eine gesamtgesellschaftliche Dauerdebatte um die soziale Verantwortung der Wirtschaft: Die Deutsche Bank hatte einen Rekordgewinn von 2,5 Milliarden Euro für 2004 verkündet. Im gleichen Atemzug gab Ackermann bekannt, 6400 Stellen im Konzern zu streichen. Zugleich forderte er, die Rendite müsse auf 25 Prozent erhöht werden – eine für andere Branchen utopische Vorgabe. Ein Sturm der Entrüstung brach los.

Durch die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008 führte der gebürtige Schweizer sein Institut ohne größere Schäden. Als der mittlerweile verstaatlichte Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) vor dem Zusammenbruch stand und drohte, für Schockwellen im internationalen Finanzsystem zu sorgen, war es Ackermann, der mit der Bundesregierung eine Rettung verhandelte. Steuerzahler und Bankenbranche beteiligten sich, um Schlimmeres zu verhindern. Ackermann beriet Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und den damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD).

Jedoch blieb Ackermann auch in der Finanzkrise umstritten. Medien berichteten, er habe vor Managern seines Instituts gesagt, er würde sich schämen, würde die Deutsche Bank staatliche Hilfen annehmen. Vielleicht wollte er damit nur hoch gesteckte Ansprüche an sich selbst verdeutlichen. Die Bundesregierung jedoch reagierte verärgert.

Die Suche nach einem Nachfolger für Ackermann zog sich über Jahre hin. Auch Noch-Aufsichtsratchef Clemens Börsig hatte sich in Stellung gebracht, scheiterte aber 2009. Nach der Hauptversammlung am Donnerstag nun sollen sich Deutschland-Chef Jürgen Fitschen und der indisch-stämmige Chef-Investmentbanker Anshu Jain den Chefsessel teilen. Fitschen soll dabei die Vernetzung auch mit der deutschen Politik gewährleisten, Jain wird für das internationale Geschäft stehen.

Zwei Top-Manager aus zwei verschiedenen Kulturen auf einem Chefsessel – der eine bodenständig, der andere Überflieger. Es wird sich zeigen, ob die Deutsche Bank nicht auf neue große Missverständnisse zusteuert.

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