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Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Hamburg (csr-service) – Integriertes Reporting ist der letzte Schrei. Sollte man dem Ruf folgen oder lieber die Ohren zuhalten? Zwei Standpunkte in Sachen Reporting-Philosophie

Von Stefanie Wulf und Ute Neumann, Kirchhoff Consult AG

Pro – Integriertes Reporting

Schneller, weiter, integrierter

In unserer globalisierten und vernetzten Welt sind Informationsüberschuss und Schnelligkeitswahn ohnegleichen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wird integrierte Kommunikation großgeschrieben – die Botschaften müssen schließlich crossmedial aufbereitet und transportiert werden. Ich frage mich: Warum sollte es also ausgerechnet vor dem Reporting eines Unternehmens Halt machen?!

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Ich stelle fest: Es gibt bis dato keinen einheitlichen Umgang mit dem -Thema. Und ich befürchte, dass noch Jahre vergehen, bis es einen Standard und eine entsprechende Datenerhebung geben wird. Mein Traum aber bleibt: ein Bericht, der alle wesentlichen Informationen erfasst. Keine Längen und Langeweile, weil die Berichte auf den Punkt kommen. Kein Rückenschaden, weil statische oder schlichtweg irrelevante Pflichtangaben eine andere Heimat, beispielsweise im Internet, gefunden haben.

Zusammen, was zusammengehört!

Apropos – mittlerweile lese ich in fast jeder Unternehmensstrategie das Wort „nachhaltig“. Die Chance also für Unternehmen, genau das auch in einem integrierten Bericht zu zeigen und darzustellen, wie der Managementansatz funktioniert. Aktuell wird das Pferd sicherlich oft noch von hinten aufgezäumt. Der Bericht bestimmt die Strategie. Na und? Wenn Unternehmen sich aufgrund von integriertem Reporting ausführlich mit ihren internen Strukturen auseinandersetzen, Schwächen aufdecken und diese dann angehen, finde ich das positiv.

Weniger ist mehr

Stichwort Wesentlichkeit. Sowohl Shareholder als auch Stakeholder wollen wissen, wie die Entwicklung des Unternehmens verlief, wie zukunftsfähig das Unternehmen ist und welchen Risiken es sich ausgesetzt sieht. Hierfür muss ich aber nicht akribisch jeden GRI-Indikator oder jede IFRS-Anhangangabe abarbeiten. Das einzelne Unternehmen muss für sich definieren, welches seine wesentlichen Kennzahlen sind, und danach berichten. Das ist für mich effizientes und ganzheitliches Reporting!

Ich bin dafür!

Ich bin für integriertes Reporting, weil ich die Hoffnung habe, dass sich dadurch die Berichtskultur positiv verändern wird. Wenn sich das Silo-Denken hin zum integrierten Denken entwickelt und das Bewusstsein sowohl auf -Unternehmens- als auch auf Investorenseite geschärft wird, fällt meine Bewertung positiv aus. Ich finde, das integrierte Reporting hat eine Chance verdient.

Text: stefanie.wulf@kirchhoff.de

Contra – Integriertes Reporting

Mit Messer und Gabel

Wenn der Kannibale mit Messer und Gabel speist, dann hat das Stil. Der Kenner wird den Missionar aber immer noch herausschmecken. Gleiches gilt für die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Vor allen Worten muss das Handeln stehen: Denn ein integrierter Bericht ersetzt nicht die Glaubwürdigkeit des Handelns. Integriertes Handeln erfordert nachhaltiges Denken – von der Strategie über die Ziele bis hin zu den Leistungen und Produkten.

Dann erst beginnt die Herausforderung der Kommunikation. Das fehlende regulatorische Rahmenwerk macht das Ganze nicht leichter. Wo in der Finanzberichterstattung klare Vorgaben und Empfehlungen die wesentlichen Eckpfeiler markieren, haben sich solche eindeutigen Standards in der CSR-Berichterstattung noch nicht etabliert – ganz zu schweigen von einem Regelwerk, das die mitunter sehr gegensätzlichen Welten sinnvoll vereint. Denn nachhaltige Indikatoren sind anders als Finanzkennzahlen stark branchenabhängig, und nicht selten muss mangels präziser Erfassungssysteme mit Schätzwerten operiert werden. Ein qualitatives Gefälle zwischen den Aussagen, das derzeit noch schwer zu überbrücken ist.

Wer soll das lesen?

Die Vorstellung eines allumfassenden Kompendiums mag reizvoll erscheinen. Wer jemals versucht hat, mit einem Griff aus einer Frauenhandtasche das Objekt seiner Begierde hervorzuzaubern, weiß: Was theoretisch eine tolle Idee ist, muss praktisch nicht immer funktionieren. Empfinde ich es als Leser wirklich positiv, mir aus einem kiloschweren Bericht alle Informationen heraussuchen zu können, oder fühle ich mich von einer Publikation besser abgeholt, deren Inhalte auf meine Interessen zugeschnitten sind?

„Es muss ja nicht ALLES da rein, man kann ja selektieren.“ Aha. Und wer selektiert, was wichtig ist und was nicht? Das wüsste ich dann schon gerne. Und da sind wir schnell wieder – wer hätt’s gedacht – bei der Strategie …

Ganz oder gar nicht

Wer also einen Schritt in Richtung integrierte Berichterstattung wagen will, sollte den zweiten nicht vor dem ersten machen, sondern zunächst das Fundament in Form einer ernsthaft implementierten nachhaltigen Strategie legen. Denn nur wer Ziele hat und sie messen kann, hat auch etwas zu berichten. Bis dahin sollten Unternehmen lieber ihre bestehenden Publikationen fit machen, statt alle Informationen in einen Topf zu werfen. Zu groß ist die Gefahr des konzeptlosen Einheitsbreis. Ein mittelmäßiger CSR-Bericht wird nämlich nicht besser, nur weil man ihn unter dem Deckmantel eines hippen Reportings in den Geschäftsbericht rührt.

Text: ute.neumann@kirchhoff.de