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Wo Mädchen für den Brautpreis schufen: Kinderarbeit nur langsam auf dem Rückzug

Die Abschaffung der Kinderarbeit kommt heute deutlich langsamer voran als vor 8 Jahren. Darauf weist die Internationale Arbeitsorganisation anlässlich des heutigen Welttages gegen Kinderarbeit hin. 215 Millionen Kinder weltweit müssen arbeiten, davon 115 Millionen Kinder unter gefährlichen oder gesundheitsgefährdenden Bedingungen. NGOs berichteten von Beispielen für Kinderarbeit.

Genf (csr-news) – Die Abschaffung der Kinderarbeit kommt heute deutlich langsamer voran als vor acht Jahren. Darauf weist die Internationale Arbeitsorganisation anlässlich des heutigen Welttages gegen Kinderarbeit hin. 215 Millionen Kinder weltweit müssen arbeiten, um ihr Überleben zu sichern, davon 115 Millionen Kinder unter gefährlichen oder gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Aus einer von der ILO vorgelegten Studie geht weiter hervor, dass jedes vierte Kind in Subsahara-Afrika arbeiten muss, jedes achte Kind in Asien und jedes zehnte Kind in Lateinamerika. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Ausrottung der Kinderarbeit von der Agenda der Entwicklungszusammenarbeit rutscht“, erklärte ILO-Generaldirektor Juan Somavia gestern in Genf.

Zu den schlimmsten Formen von Kinderarbeit zählen laut ILO der Einsatz in bewaffneten Konflikten, Sklaverei sowie Sexhandel. Besonders gefährdet seien Kinder in ländlichen Regionen, Kinder von Gastarbeitern sowie von Ureinwohnern. Die ILO stellt eine erhebliche Differenz zwischen der Ratifizierung der ILO-Konventionen gegen Kinderarbeit einerseits und den tatsächlichen Bemühungen der unterzeichnenden Staaten zu deren Ausrottung andererseits fest und fordert konkrete Maßnahmen: Gesetze gegen Kinderarbeit müssten verschärft und die Arbeit der Ermittlungsbehörden unterstützt werden.

Für den Brautpreis in die Spinnerei

Auf eine Form der Kinderarbeit in Indien macht das Kinderhilfswerk terre des hommes aufmerksam: Im Textilzentrum Tirupur im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu müssten Mädchen unter sklavenähnlichen Bedingungen in Baumwollspinnereien arbeiten, um Geld für ihren Brautpreis zu erwirtschaften. Textilunternehmen, die ernsthaft gegen Kinderarbeit vorgehen wollen, sollten ihre Lieferketten bis in die erste Baumwollspinnerei transparent machen. „Das erwarten wir auch von der kürzlich von den weltweit größten Textilunternehmen gegründeten Sustainable Apparel Coalition, wenn sie nicht nur positive Schlagzeilen für die Nachhaltigkeitsberichte der beteiligten Unternehmen, sondern wirklichen sozialen Fortschritt vor Ort bringen soll“, erklärte Danuta Sacher, Vorstandsvorsitzende von terre des hommes.

14 Stunden täglich Zigaretten drehen

In einem anderen südindischen Bundesstaat, Andhra Pradesh, ist es das Zigarettendrehen, dass die Gesundheit von Mädchen zerstört. Dazu berichtete Plan Deutschland, dass indische Mädchen mit ihren schlanken Fingern besonders geschickt den Tabak in Blätter aus Schwarzholz wickelten. Die handgerollten Beedies seien bei Rauchern sehr beliebt. Indische Mädchen arbeiteten dafür zehn bis vierzehn Stunden täglich, versäumten die Schule und seien gesundheitlichen Problemen wie Asthma und Tuberkulose ausgesetzt. „Für einen Tageslohn von zwei US-Dollar muss eine Familie mindestens 1.000 Beedies täglich in Heimarbeit herstellen. Der Druck ist so immens, dass die Kinder die Schule oft bereits nach der Grundschule abbrechen“, so Maike Röttger, Geschäftsführerin von Plan Deutschland.

Eine Frage des Familieneinkommens

Die Kindernothilfe weist darauf hin, dass die Abschaffung von Kinderarbeit ein ausreichendes Familieneinkommen voraussetze. „Eltern müssen auch finanziell in der Lage sein, ihre Kinder zur Schule statt zur Arbeit zu schicken. Wenn angemessene Löhne bezahlt werden, sind die Familien für ihr Überleben nicht mehr auf das Einkommen ihrer Kinder angewiesen“, so Jürgen Thiesbonenkamp, Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe. Die Forderung nach einem generellen Verbot der Kinderarbeit greife in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungsbereich oft zu kurz. Erfolgsversprechend seien etwa Schulungen in neuen Anbaumethoden und der Einsatz eines dürreresistenten Saatgut, weil Familien dann nicht mehr auf die Mitarbeit der Kinder angewiesen seien.