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Favela-Food deluxe soll Touristen in Rios Armenviertel locken: Kochkurs startet mit Rio+20

Die “Bar da Virada” am Rande eines Armenviertels von Rio de Janeiro drängt sich nicht gerade auf als Ort für Spitzengastronomie. Die Sechs-Quadratmeter-Küche ist voll gestellt mit Kochplatten, Schränken, der Spüle und einer Tiefkühltruhe. Es ist stickig, und den Schulter an Schulter stehenden Kochschülern perlt der Schweiß auf der Stirn, während sie gefüllte Rigatoni und Rinderragout anrichten. Zweifel aber will Daniel Plá nicht gelten lassen.

Von Fabian Erik Schlüter

Rio de Janeiro (afp) – Die “Bar da Virada” am Rande eines Armenviertels von Rio de Janeiro drängt sich nicht gerade auf als Ort für Spitzengastronomie. Die Sechs-Quadratmeter-Küche ist voll gestellt mit Kochplatten, Schränken, der Spüle und einer Tiefkühltruhe. Es ist stickig, und den Schulter an Schulter stehenden Kochschülern perlt der Schweiß auf der Stirn, während sie gefüllte Rigatoni und Rinderragout anrichten. Zweifel aber will Daniel Plá nicht gelten lassen: In solch engen Küchen der Favelas von Rio könne “auf Fünf-Sterne-Niveau” gekocht werden, sagt der Kurs-Organisator.

Als Kundengruppe hat Plá vor allem ausländische Besucher im Visier, die am Randes des UN-Umweltgipfels Rio+20 ein kulinarisches Erlebnis in ungewöhnlicher Umgebung suchen. “Die Favelas haben ein phantastisches Potenzial”, schwärmt der Marketing-Dozent, wenn er über die drei Armenviertel Cantagalo, Pavão und Pavãozinho spricht, die sich über einen Hügel oberhalb der Stadtteile Copacabana und Ipanema und ihrer weltberühmten Strände erstrecken. “Die Aussicht ist einfach umwerfend, und viele Touristen wollen die Favelas und ihre Menschen kennenlernen.”

Damit die Favela-Bewohner davon auch profitieren, hat der 55-Jährige kostenlose Kochkurse für die Besitzer von zehn kleinen Bars – sogenannten Biroscas – organisiert. Köche aus angesehenen Restaurants in Rio haben eigens Gerichte entworfen, die internationale Küche mit brasilianischen Elementen verbinden – etwa eine Paella mit Feijão, den aus der brasilianischen Alltagsküche nicht wegzudenkenden Bohnen, oder eben die gefüllten Rigatoni.

Angeboten werden die Gerichte in der Zeit des UN-Umweltgipfels Rio+20. Zu den zahlreichen Veranstaltungen rund um die Großkonferenz vom 20. bis 22. Juni werden schon ab dieser Woche mehr als 50.000 Besucher in Rio erwartet, von denen Plá so viele wie möglich in die Biroscas der drei Favelas locken will. 45 Reais – rund 18 Euro – sollen die Kunden für das Essen in der Favela zahlen, einen Caipirinha-Cocktail gibt es inklusive. Während des Rio+20-Gipfels könne jeder der Favela-Köche fast 2400 Euro zusätzlich einnehmen, rechnet Plá vor.

Vielleicht aber ist er damit ein wenig zu optimistisch. Denn auch wenn die drei Favelas, in denen zusammen mehr als 10.000 Menschen leben, seit Jahren als befriedet gelten – nur wenige Touristen dürften sich alleine in die verwinkelten Gassen der Armenviertel trauen. Bislang gibt es nur vier Favela-Führer für potenzielle Gastronomie-Touristen.

Zudem sind 45 Reais in Rio kein Schnäppchen, und erst recht nicht in einer Favela, wo ein riesiger Berg Essen in der Regel ein Fünftel kostet. “Mit dem hohen Preis signalisieren wir: Das ist etwas Besonderes, das hat Qualität”, sagt Plá. “Genau damit erregen wir das Interesse der Touristen.”

Bei einigen Birosca-Besitzern erntet der Hochschuldozent für solche Ausführungen aber Stirnrunzeln. Und eine Köchin hat sich zwar den bunten Aufkleber des Projekts an ihr kleines Lokal geklebt, will aber von den neuen Rezepten nichts wissen. “Das ist doch viel zu kompliziert und viel zu teuer”, sagt sie. “Ich koche lieber das gleiche Essen wie immer.”

Fabiano Soares, Sohn eines Birosca-Besitzers, setzt dagegen große Hoffnungen in das Projekt. “Für ein solches Essen kommen bestimmt viele Touristen zu uns in die Favela”, sagt der 25-Jährige und garniert zum Abschluss des Kochkurses einen Rigatoni-Teller mit Basilikumblättern. “Viele Touristen haben ja richtig Angst vor den Favelas. Hier können sie sehen, dass wir ganz normale Leute sind.”