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Peter Terium zieht Schlussstrich unter Ära Großmann: Neuer RWE-Chef plant Strategiewechsel

Neben dem scheidenden RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann mit seinen 2,05 Metern sieht jeder klein aus. Doch sein Nachfolger Peter Terium macht kurz vor seinem Amtsantritt am 1. Juli kräftig auf sich aufmerksam: Während Großmann wie kein anderer Chef eines deutschen Energiekonzerns die Macht der Atomlobby repräsentiert, kündigt Terium den Rückzug aus dem internationalen Atomgeschäft und ein stärkeres Engagement in der Solarbranche an.

Von Christine Kellmann

Berlin (afp) – Neben dem scheidenden RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann mit seinen 2,05 Metern sieht jeder klein aus. Doch sein Nachfolger Peter Terium macht kurz vor seinem Amtsantritt am 1. Juli kräftig auf sich aufmerksam: Während Großmann wie kein anderer Chef eines deutschen Energiekonzerns die Macht der Atomlobby repräsentiert, kündigt Terium den Rückzug aus dem internationalen Atomgeschäft an. Mit diesem Strategiewechsel und der Ankündigung, sich künftig stärker in der Solarbranche zu engagieren, setzt sich der 48-jährige Niederländer deutlich vom Atom-Dinosaurier Großmann ab.

Terium ist schon der zweite Niederländer an der Spitze von RWE. Sein Landsmann Harry Roels übergab den Chefposten 2007 an den Unternehmer und Milliardär Großmann und soll sich schon damals für Terium ausgesprochen haben. Wie Roels kam auch Terium 2003 zu dem Essener Stromversorger. RWE setzte damals vorrangig auf Kernenergie und Kohle, hinzu kamen Öl- und Gasgewinnung sowie Strom- und Gasvertrieb. Als Leiter des Bereichs Konzerncontrolling stieß der gelernte Buch- und Steuerprüfer Terium Aktivitäten im Bereich Wasser und Entsorgung wieder ab, um einen Schuldenberg von 23 Milliarden Euro abzutragen.

2004 stieg Terium in den Vorstand der Entsorgungs- und Recyclingssparte RWE Umwelt AG auf, die unter seiner Federführung an den Entsorger Remondis und fünf Investoren verkauft wurde. Ein Jahr später ernannte ihn Roels zum Sparten-Chef und Finanzvorstand der RWE Trading GmbH. Nach der Vereinigung der für den internationalen Energiehandel stehenden Sparte mit der für den europäischen Gasmarkt zuständigen RWE Gas Midstream zur RWE Supply & Trading GmbH übernahm 2008 wiederum Terium die Leitung.

Im April 2009 bekam Terium, am 26. September 1963 in Nederweert unweit der deutschen Grenze geboren, eine neue Aufgabe: Als Programm-Manager organisierte er die hundertprozentige Übernahme des niederländischen Staatskonzerns Essent für 7,3 Milliarden Euro. Im Oktober betraute Großmann Terium mit der Führung und der Integration des drittgrößten niederländischen Stromerzeugers Essent in den Essener Energieriesen.

Nach einem heftigen Machtkampf einigte sich der RWE-Aufsichtsrat Anfang August 2011 auf Terium als neuen Unternehmenschef. Die einflussreichen kommunalen Aktionäre hatten Rolf Martin Schmitz favorisiert, den RWE-Vorstand für das operative Geschäft, der als ehemaliger Chef kommunaler Energieversorger und als Vizepräsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) über beste Kontakte verfügt. Letztlich wurde Schmitz zum Stellvertreter Teriums ernannt.

Seit dem 1. September 2011 ist der mit einer Brasilianerin verheiratete Niederländer Vorstandsmitglied und stellvertretender Vorstandsvorsitzender von RWE. Sein Vorgänger Großmann, bis zuletzt überzeugter Gegner der von der Regierung verordneten Energiewende, wurde auf der Hauptversammlung im April offiziell verabschiedet. Für das durch den Atomausstieg gebeutelte Unternehmen steht jetzt eine grundlegende Umstrukturierung an. Bekannt wurden Vorstandspläne, wonach in den nächsten Jahren mehr als 8000 der insgesamt 72.000 Stellen abgebaut werden sollen. Verkäufe in einem Gesamtvolumen von elf Milliarden Euro sollen Geld in die Konzernkasse spülen.

Am Wochenende lud die Konzernspitze die 200 wichtigsten RWE-Manager nach Istanbul ein, wo Terium seine neue Strategie vorstellte – ein Bruch mit seinem Vorgänger: RWE wird auch im Ausland keine neuen Atomreaktoren mehr bauen. Stattdessen setzt der Neue unter anderem auf Solar, eine Technologie, die Großmann für den Standort Deutschland noch verspottet hatte.

Bild: Peter Terium (links) und Kapitän Alexander Jabs auf dem Offshore Installationsschiff “Victoria Mathias”