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Das große Sterben: Der Verlust der Artenvielfalt bedroht Milliarden Menschen

as Aussterben von Tier- und Pflanzenarten könnte Milliarden Menschen in ihrer Existenz bedrohen. Das ist das Ergebnis eines Berichts über den Verlust der Artenvielfalt, der auf dem UN-Gipfel Rio+20 vorgestellt wurde. Zum Auftakt des Gipfels entwarfen die Naturschützer ein düsteres Szenario.

Von Richard Ingham

Rio de Janeiro (afp) – Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten könnte Milliarden Menschen in ihrer Existenz bedrohen. Das ist das Ergebnis eines Berichts über den Verlust der Artenvielfalt, der auf dem UN-Gipfel Rio+20 vorgestellt wurde. Zum Auftakt des bis Freitag dauernden Treffens für nachhaltige Entwicklung mit Staats- und Regierungschefs aus aller Welt entwarfen die Naturschützer ein düsteres Szenario.

Von 63.837 untersuchten Arten sind nach jüngsten Zahlen 19.817 vom Aussterben bedroht – ein Schicksal, wie es auch den Vogel Dodo der Insel Mauritius ereilte, der zum Symbol des vom Menschen verursachten Artensterbens wurde. Nach der jährlich neu herausgegebenen Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN sind 41 Prozent der Amphibien bedroht, 33 Prozent der Korallenriffe, 25 Prozent der Säugetiere, 20 Prozent der Pflanzen und 13 Prozent der Vögel. Viele sind für den Menschen unentbehrlich, weil sie Nahrung liefern, Arbeit und das Genreservoir für bessere Ernten und neue Medikamente.

IUCN-Chefin Julia Marton-Lefèvre nannte die Ergebnisse “einen Weckruf an die in Rio versammelten Regierungschefs”, den Erhalt der “Lebensnetzwerke auf diesem Planeten” zu garantieren. “80 Prozent unserer Kalorienzufuhr kommen von zwölf Pflanzenarten “, betonte der Leiter der botanischen Kew Gardens in London, Stephen Hopper. “Wenn uns unsere Nahrung und unsere Medikamente am Herzen liegen, müssen wir handeln, um die Heilpflanzen und die wilden Verwandten unserer Kulturpflanzen zu erhalten.”

Die renommierte Rote Liste der IUCN untersucht einen kleinen Teil der uns bekannten Arten im Detail, um die Situation der Biodiversität insgesamt einzuschätzen. Im Jahr 2000 hatten sich die Teilnehmerländer verpflichtet, das Artensterben innerhalb der folgenden zehn Jahre zu bremsen, doch dieses Vorhaben scheiterte kläglich.

Daraufhin wurde ein Strategieplan für Artenvielfalt erstellt, um das Überleben der bekanntesten Arten zu sichern. Von den 63.837 in dieser Studie untersuchten Arten wurden 3.947 als vom Aussterben bedroht eingestuft, 5.766 als stark gefährdet und 10.104 als gefährdet, zusammen gelten also inzwischen 19.817 Arten als bedroht.

63 Arten sind in freier Wildbahn ausgestorben, 801 völlig verschwunden, wie die Ovate clubshell, eine Muschelart amerikanischer Flüsse. Oft verschwinden die Arten, wenn ihr Lebensraum zerstört wird. Aber auch gebietsfremde Arten, die sich in einem neuen Lebensraum auf Kosten der ansässigen Arten ausbreiten, spielen eine Rolle sowie zunehmend die wahrscheinlichen Auswirkungen der Klimaerwärmung.

Der Bericht prangert vor allem die rücksichtslose Ausbeutung der Ozeane, Seen und Flüsse an. “In manchen Regionen der Welt leben bis zu 90 Prozent der Küstenbevölkerung von der Fischerei, doch die Überfischung hat manche Bestände um mehr als 90 Prozent reduziert”, warnt die IUCN. Opfer von Überfischung wurden demnach 55 Prozent der Korallenriffe, die 275 Millionen Menschen Nahrung und Lebensunterhalt bieten.

In Afrika sind inzwischen 27 Prozent der Süßwasserfische bedroht, während in Asien der für den Fischfang wichtige Mekong-Hering (Tenualosa thibaudeaui) als gefährdet gilt. In Europa gelten 16 Prozent der einheimischen Schmetterlingsarten als bedroht, ebenso 18 Prozent der Fledermäuse weltweit. Was bisher nur Naturschützer beunruhigt, kann eines Tages zur wirtschaftlichen Katastrophe werden: Insekten und Vögel erbringen – etwa durch Befruchtung – Leistungen für das Ökosystem im Wert von umgerechnet mehr als 158 Milliarden Euro im Jahr.