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Weltwunder contra schwarzes Gold: Archäologen sehen altes Babylon durch Öl-Pipeline bedroht

Die Überreste des antiken Babylon bewahren oder doch lieber das verlockende Erdöl-Geschäft voranbringen? Das ist im Irak derzeit eine Frage, die vorerst zugunsten der Ölindustrie entschieden zu sein scheint. Gerade erst wurde für eine Pipeline ein anderthalb Kilometer langer Tunnel unter den archäologisch wertvollen Stätten von Babylon gegraben.

Von Salam Faradsch

Hilla (afp) – Die Überreste des antiken Babylon bewahren oder doch lieber das verlockende Erdöl-Geschäft voranbringen? Das ist im Irak derzeit eine Frage, die vorerst zugunsten der Ölindustrie entschieden zu sein scheint. Gerade erst wurde für eine Pipeline ein anderthalb Kilometer langer Tunnel unter den archäologisch wertvollen Stätten von Babylon gegraben – was Archäologen verbittert. Denn abgesehen von der Sorge um noch unentdeckte und jetzt womöglich beschädigte Schätze auf dem Gelände könnten die Bauarbeiten auch negativen Einfluss auf eine langersehnte Anerkennung Babylons als UN-Weltkulturerbe haben.

„Das Ölministerium hat an diesen Stätten unüberschaubaren Schaden angerichtet“, klagt Kais Hussein Raschid, Leiter der archäologischen Kommission im Irak. Die Pipeline berge „enorme Risiken“ von Umweltverschmutzung bis hin zu einer möglichen Explosion der Leitung. Nicht zuletzt versetze die Pipelinegrabung auch den Bemühungen der Archäologen um Babylons Würdigung als Weltkulturerbe „den Todesstoß“.

Schon dreimal hat der Irak die Anerkennung Babylons als Weltkulturerbe beantragt – noch zu Zeiten des später gestürzten Diktators Saddam Hussein. Die zuständige UN-Kulturorganisation UNESCO aber lehnte jedes der Gesuche ab, weil das Gelände schlecht verwaltet und gepflegt werde. So ließ Saddam beispielsweise Teile Babylons wieder aufbauen: mit Steinen, in die seine Initialen geprägt waren.

Zwar sei durch den aktuellen Pipelinebau derzeit mit bloßem Auge kein Schaden erkennbar, sagt Mariam Omran, Leiterin der Antikenabteilung der Provinz Babil und damit auch für Babylon zuständig. Große Teile des Geländes des einstigen Babylon seien aber noch unerforscht und es sei nicht absehbar, was sich unterirdisch getan habe. So lägen beispielsweise womöglich „antike Schätze nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche“. Das Pipeline-Projekt auf dem Gelände von Babylon sei eine „extreme Verletzung des Gesetzes zum Schutz antiker Wertgegenstände“, kritisiert Omran.

Das irakische Ölministerium will von alldem nichts wissen und erklärt, beim Pipelinebau handle es sich um ein „strategisch sehr wichtiges Projekt“. Ministeriumssprecher Assem Dschihad sagt, die Arbeiten für die Pipeline seien „Hunderte Meter von den archäologischen Stätten entfernt“ ausgeführt worden. „Wir haben bei den Bauarbeiten keine Hinweise auf archäologisch wichtige Objekte gefunden.“

Das rund 90 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt Bagdad gelegene Babylon gilt als eine der Wiegen der Menschheit. In der Antike regierten von hier aus die beiden wichtigen Herrscher Hammurabi von 1792 bis 1750 vor Christus sowie Nebukadnezar – der die Hängenden Gärten von Babylon und damit eines der Sieben Weltwunder schaffen ließ – von 604 bis 562 vor Christus. Bereits seit 1935 wird Babylon als archäologische Ausgrabungsstätte geführt. Teile der Stadt wurden im vergangenen Jahrhundert ausgegraben, doch weite Gebiete der antiken Stadtanlage müssen erst noch gründlich untersucht werden.

Dass es bei der Erforschung Babylons zu Komplikationen kommt, ist indes nicht neu: So erinnert ein UNESCO-Bericht aus dem Jahr 2009 daran, dass die Stadt während des Irak-Krieges 2003 geplündert und Exponate der Nebukadnezar- und Hammurabi-Museen sowie Bestände der Babylon-Bibliothek und des zugehörigen Archivs gestohlen oder zerstört wurden.

Um einen US-Stützpunkt zu errichten, der sich zwischen April 2003 und Dezember 2004 auf dem Gelände des einstigen Babylons befand, seien weitere Überreste vernichtet worden. US-Streitkräfte hätten auf dem Gelände gebaut und gegraben, um ihren Stützpunkt zu sichern – unter anderem durch Schützengräben.

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CSRjournalist

Achim Halfmann ist Geschäftsführer von CSR NEWS und lebt im Bergischen Land. Seine Themen liegen vorallem in den Bereichen Gesellschaft, Medien und Internationales.

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