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Verantwortung über den Wolken

Fluglärm, Treibhausgas-Emissionen und Pannen beim Flughafenbau: Die Luftfahrtbranche hat mit negativen Schlagzeilen zu kämpfen. Neben der Geräuschentwicklung sorgen vor allem die Schadstoffemissionen der Flugzeuge für Kritik. Wie reagieren führende Unternehmen der Branche darauf?

Von Jürgen Buscher

Seit Anfang des Jahres 2012 müssen die Fluggesellschaften für alle in Europa startenden und landenden Maschinen zu teuren Preisen Emissionsrechte erwerben. Diese Regelung erhöht den Druck auf Airlines und Flugzeugbauer, Emissionen so weit wie möglich zu senken. Hierfür muss vor allem der Treibstoffverbrauch reduziert werden. Das bedeutet natürlich auch geringere Treibstoffkosten für die Airlines. Ökonomische und ökologische Ziele stimmen hier also überein.

Deshalb hat sich die Luftfahrtbranche ehrgeizige Ziele gesetzt: Ab 2020 sollen die Kohlendioxid(CO2)-Emissionen auf dem Niveau von 2005 gehalten und ab 2050 sogar auf die Hälfte davon gesenkt werden. Der Plan basiert auf vier Säulen:

  • Technische Innovationen, z. B. in der Triebwerkstechnik
  • Bessere Infrastruktur an den Flughäfen
  • Operatives Management, um Flugrouten zu optimieren
  • Ökonomische Maßnahmen wie die Teilnahme am Emissionsrechtehandel

Kampf den Emissionen: leichter, leiser, effizienter

Wie viel ein Flugzeug verbraucht, liegt vor allem an den Triebwerken. Gegenüber den ersten Düsenflugzeugen der 50er Jahre verbrauchen moderne Triebwerke etwa 70% weniger Kerosin. Um Emissionen und Kosten zu sparen, haben Lufthansa und KLM im zweiten Halbjahr 2011 erstmals regelmäßig Biotreibstoff bei bestimmten Linienflügen genutzt. Der Einsatz von Biosprit könnte die Emissionen um etwa die Hälfte senken. „Das ist aber ein Markt, der noch erschlossen werden muss“, meint Sandra Kraft, Pressesprecherin der Lufthansa für Umweltthemen. Die EU will deshalb bis 2020 zwei Millionen Tonnen Biokerosin nachhaltig produzieren. Das wären etwa 4% des jährlichen Verbrauchs in Europa.

Der neue Airbus A380 verbraucht als erstes Langstreckenflugzeug pro Person weniger als drei Liter auf 100 Kilometern. Neben modernen Triebwerken hilft vor allem ein geringeres Gewicht, den Verbrauch zu senken. Dass Flugzeuge immer leichter werden, liegt an neuen Werkstoffen. Vor allem Verbindungen von Kunststoff mit Keramik, Glas- oder Kohlefaser werden immer wichtiger. Diese Verbundwerkstoffe sind leichter als Metall. „Das bedeutet geringeren Kraftstoffverbrauch, damit weniger Emissionen und zugleich Wettbewerbsvorteile für den Betreiber“, so Heiko Stolzke, PR-Referent bei Airbus. Der Boeing 787 „Dreamliner“ etwa besteht zu 50% aus Verbundwerkstoffen und verursacht 20% weniger Emissionen als sein Vorgänger.

Auch Lärm stellt eine Emission dar, die Menschen und Umwelt belastet. Besonders nächtlicher Fluglärm kann den Kreislauf und das Immunsystem stören und so zu Infektionen und Allergien führen. Im März fanden deshalb an den sechs größten Flughäfen Deutschlands Demonstrationen gegen Fluglärm statt. Die Flughäfen reagieren mit höheren Gebühren für laute und „schmutzige“ Maschinen. Der Druck wirkt: Die neuesten Riesenjets Airbus A380 und Boeing 747-800 sind schon um 30% leiser als ihre Vorgänger. Ebenso wichtig sind Lärmschutzzonen in der Nähe von Flughäfen und Grenzwerte für Fluglärm.

Trotz aller Fortschritte sind die Emissionen aus der Luftfahrt insgesamt gestiegen. Der Grund ist einfach: Die Branche wird zum „Opfer“ ihres eigenen Erfolgs. So ist der Flugverkehr in der EU von 1990 bis 2003 um 70% gewachsen. Vor allem die Schwellenländer Asiens treiben die Nachfrage voran. Die zukünftige Entwicklung könnte etwa so aussehen:

Wachstum des Luftverkehrs im Jahr (5%)
– Steigerung der Energieeffizienz (1,5%)
= Zunahme der Emissionen (3,5%)

Das würde bis 2030 eine Verdoppelung, bis 2050 sogar eine Verdreifachung der CO2-Emissionen bedeuten.

Eigeninitiative ist gefragt

Neben der ökologischen tragen die Unternehmen der Luftfahrtbranche auch eine soziale Verantwortung. Dabei setzen viele auf das Engagement ihrer Beschäftigten: Die Lufthansa fördert zum Beispiel die Help Alliance, einen gemeinnützigen Verein von Mitarbeitern, der weltweit Projekte für Kinder, Schulen und Krankenhäuser betreut und Hilfe bei Naturkatastrophen leistet. Die Lufthansa stellt vier Mitarbeiter dafür frei und unterstützt den Verein finanziell, materiell und durch Transportflüge.

Auch Airbus fördert durch die Airbus Stiftung Projekte, an denen Mitarbeiter des Unternehmens beteiligt sind. Dabei konzentriert sich die Förderung auf die Ziele Umweltschutz, Hilfe für benachteiligte Jugendliche sowie humanitäre und gemeindebezogene Hilfe. Konkret werden zum Beispiel Gemeinden in Indien mit umweltfreundlicher Energie versorgt. Allein für dieses Projekt gäbe es jedes Jahr Hunderte von Bewerbern, so Stolzke. Viele der Projekte wurden von Mitarbeitern vorgeschlagen. Airbus unterstützt sie unter anderem durch Flüge zum Einsatzort und zusätzliche Urlaubstage. Der Mutterkonzern EADS hat eine eigene Stiftung, die unter anderem Katastrophenhilfe leistet, begabte Studenten in ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Fächern fördert und das Engagement von Mitarbeitern unterstützt. Daneben betreiben die einzelnen Konzernbereiche eigene Projekte.

Regionaler Dialog

An Flughäfen führt der Konflikt zwischen Natur- und Lärmschutz einerseits und wirtschaftlichem Wachstum andererseits immer wieder zu Streit mit den Anwohnern. Deshalb legen die Flughäfen großen Wert auf Dialog und Vernetzung in der Region. Der Frankfurter Flughafen hat siebzehn Handlungsfelder für den nachhaltigen Umgang mit Stakeholdern identifiziert und daraus Ziele und Maßnahmen abgeleitet. So werden Gebäude energieoptimiert und die Maschinen am Boden effizient gesteuert. In einem langfristigen Monitoring werden soziale und ökologische Auswirkungen des Flughafens auf die Region untersucht. Land und Flughafenbetreiber investieren über 260 Millionen Euro in einen Fonds, aus dem Lärmschutzmaßnahmen der Anwohner gefördert werden. Und der Flughafen sponsert Projekte für benachteiligte Jugendliche, Bildung, Sport und Kultur.

In der Öffentlichkeit wird das soziale Engagement der Luftfahrtbranche überschattet von der Umweltbelastung durch das Fliegen. Letztlich müssen aber die Kunden entscheiden, wann ein Flug sinnvoll ist. Für Fernreisen ist das Flugzeug oft konkurrenzlos. Aber selbst dann kann der Fluggast seinen persönlichen CO2-Ausstoß durch Spenden für den Klimaschutz kompensieren. Viele Flughäfen und Airlines bieten ihren Kunden im Internet und am Ticketschalter eine solche Kompensation an. So fliegt man etwas teurer, dafür aber mit gutem Gewissen in den nächsten Urlaub.