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Singen gegen Stress und Unbehagen: In französischen Unternehmen bilden sich Chöre

Selbstmorde in französischen Großunternehmen sorgen seit Jahren immer wieder für Negativschlagzeilen. Die Gewerkschaften machen dafür zunehmenden Leistungsdruck und Stress verantwortlich. Immer mehr Unternehmen wollen die Stimmung in der Belegschaft nun musikalisch erhellen – in Betriebschören sollen sich Kollegen näherkommen und zugleich gegen den Stress ansingen.

Von Anne-Pascale Reboul

Lyon (afp) – Selbstmorde in französischen Großunternehmen wie dem Autobauer Renault, France Télécom, der Post oder dem Stromkonzern EDF sorgen seit Jahren immer wieder für Negativschlagzeilen. Die Gewerkschaften machen dafür zunehmenden Leistungsdruck und Stress verantwortlich. Immer mehr Unternehmen wollen die Stimmung in der Belegschaft nun musikalisch erhellen – in Betriebschören sollen sich Kollegen näherkommen und zugleich gegen den Stress ansingen.

Auf Musik zur Verbesserung des Betriebsklimas setzt etwa der Telefon- und Internetanbieter Orange. Dessen Führung beschloss vor zwei Jahren nach einer Reihe von Selbstmorden mit einem Sozialvertrag, das tägliche Zusammenleben am Arbeitsplatz zu erleichtern. Die ersten Betriebschöre wurden gegründet, heute singen rund tausend Beschäftigte von Orange in 21 solchen Chören.

In Lyon etwa versammeln sich jeden Freitag um die Mittagszeit rund 20 Orange-Mitarbeiter unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Abteilungen, um gemeinsam zu proben. Viele von ihnen hatten sich vorher kaum gekannt. „Ich weiß nicht, welche Funktion jeder von uns im Unternehmen hat, doch irgendwie hat der Chor etwas zwischen uns geschaffen“, sagt Brigitte Devaux, Leiterin des betriebseigenen Gesundheitsdienstes. Im kommenden Januar wollen alle Orange-Chöre in Paris gemeinsam ein großes Konzert geben.

Ein Chor könne den Menschen einen Anhaltspunkt geben und ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen, erläutert Jean-Claude Delgènes von der Beratungsfirma Technologia, die Orange auf der Suche nach einem besseren Betriebsklima geholfen hat. Viele große Unternehmen haben die Botschaft verstanden – von der Bank BPCE bis zum Versicherer AG2R La Mondiale. Firmenchöre, die zumeist als Vereinigung organisiert und oft dem Betriebsrat angeschlossen sind, haben mittlerweile fast alle Branchen erobert.

Selbst in kleinen und mittleren Unternehmen treffen sich Mitarbeiter zum gemeinsamen Singen. Beim rund 150 Mitarbeiter zählenden Betrieb Eurotab an der Loire etwa hat Loïc Moura, seines Zeichens Exportchef und Hobbysänger, einen Gospel-Chor gegründet. Die Leitung des Unternehmens, das Rotationsmaschinen für die Herstellung von Waschmitteltabs produziert, spielte mit: Sie mietete ein Klavier und stellte den 15 Sängern einen Saal im Firmensitz zur Verfügung.

Betriebschöre seien im Aufwind, bestätigt Bernard Lallement, Vorsitzender der französischen Chorleiter-Vereinigung. Ein Chor könne helfen, die Beziehungen unter den Beschäftigten zu entspannen und Mauern einzureißen. Oft seien es die Beschäftigten selbst, die die Initiative ergriffen, sagt Lallement, der selbst einen Chor aus rund 40 Beschäftigten der Stadt Paris leitet.

Experten zufolge wirkt Musik außerdem anregend auf die Hirnfunktionen, sie kann dadurch die Leistungsfähigkeit der Belegschaft steigern. Der Musiker Jean-Philippe Sarcos, der im Januar im Pariser Geschäftsviertel La Défense einen Chor für Angestellte mehrerer Firmen gegründet hatte, warnt allerdings vor einem rein nutzenorientierten Ansatz: Notwendig sei eine „künstlerische Herausforderung“. Eine Chorprobe müsse mehr sein als ein Aerobic-Kurs, dessen Teilnehmer sich nur den Kopf freistrampeln wollten.