Nachrichten

Ein Jahr lebensmittelklarheit.de: Lob der Politik, Kritik der Unternehmen

Ein Jahr nach dem Start des Verbraucherportals lebensmittelklarheit.de fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch gesetzliche Vorgaben, welche Informationen die Lebensmittelhersteller in welcher Form ihren Kunden geben müssen. Die Unternehmen dagegen kritisierten das Portal, weil sie zu Unrecht an den Pranger gestellt würden.

Berlin (afp) – Ein Jahr nach dem Start des Verbraucherportals lebensmittelklarheit.de fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch eine schärfere Gangart gegen Etikettenschwindel. Sie verlangte am Montag gesetzliche Vorgaben, welche Informationen die Lebensmittelhersteller in welcher Form ihren Kunden geben müssen. Die Unternehmen dagegen kritisierten das Portal, weil sie zu Unrecht an den Pranger gestellt würden.

Auf lebensmittelklarheit.de können Kunden Produkte angeben, durch deren Aufmachung sie sich getäuscht fühlen. Verbraucherschützer überprüfen die Hinweise, bitten die Hersteller um Stellungnahme und veröffentlichen anschließend alles im Internet. Fast 5.000 Verbraucher wandten sich bislang an das Portal. Nur rund die Hälfte der Beschwerden eigne sich aber für eine Veröffentlichung, heißt es auf der Seite. In den Rubriken „Getäuscht“ und „Erlaubt?“ wurden demnach bislang rund 200 Produkte veröffentlicht. Etwa ein Drittel der Produkte im Portal, die aus Sicht der Verbraucherzentrale Täuschungspotenzial aufwiesen, seien von den Anbietern geändert worden; sie sind in der Rubrik „Geändert“ aufgelistet.

Der Verband der Lebensmittelhersteller (BLL) kritisierte, aufgrund des individuellen Gefühls einzelner Verbraucher würden Marken und Unternehmen öffentlich mit dem Makel eines Täuschungsversuchs versehen, obwohl die Produkte zu hundert Prozent dem geltenden Recht entsprächen. Seit Jahren gefestigte Verkehrsauffassungen würden einfach für bedeutungslos erklärt. Dazu teilte BLL-Hauptgeschäftsführer Prof. Matthias Horst mit: „Wenn solche gefestigten Verkehrsauffassungen von einzelnen Verbrauchern für subjektiv irreführend gehalten werden, dann darf eine Veröffentlichung nicht zu einer marken- bzw. unternehmensbezogenen Einstellung unter der Rubrik ‚Getäuscht‘ führen.“ Das Portal ziele „erkennbar“ darauf ab, eine negative Einstellung gegenüber der Lebensmittelwirtschaft zu fördern. Kritik kam auch vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI), der eine Offenlegung der Bewertungskriterien für den produktbezogenen Teil des Portals forderte.

Foodwatch dagegen forderte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) auf, sie müsse die Erfahrungen des Portals „in konkrete Politik ummünzen“, und legte einen 15-Punkte-Plan dafür vor. Sie schlägt unter anderem vor, Informationen einen gesetzlichen Vorrang vor Werbung einzuräumen, eine lesbare Mindestschriftgröße vorzugeben, die Hersteller zu realistischen Produkt-Abbildungen und zu Transparenz über die Verwendung tierischer Zutaten zu verpflichten. Verboten werden sollten nach Ansicht von Foodwatch Werbung für unausgewogene Kinderprodukte und Gesundheitsversprechen für Lebensmittel.

Aigner selbst wertete das Portal als „Erfolgsprojekt“. 90 Prozent der Hersteller würden kurzfristig auf Anfragen von lebensmittelklarheit.de zu Produkten reagieren, bei rund einem Drittel der genannten Produkte seien auf Kritik hin Verpackung oder Aufmachung geändert worden. Ihr Ministerium nutze das Portal als „Seismograf“, erklärte sie: Die Ergebnisse würden 2013 ausgewertet, um zu ermitteln, ob Handlungsbedarf bestehe.