Nachrichten

Wirtschaftsethiker zum Fifa-Sponsoring: die Expertenstatements

Hier lesen Sie die schriftlichen Expertenstatements zum Bestechungsskandal der Fifa und den Konsequenzen für deren Sponsoren:

Sylvia Schenk, Vorstand Transparency Deutschland e.V.:

Wer ins Sportsponsoring einsteigt, will mit seiner Marke von der Faszination und medialen Weitreiche des Sports profitieren sowie einen Imagetransfer erzielen. Lange Zeit genügte Sport per se, um positive Schlagzeilen zu bekommen. Inzwischen ist das Publikum kritischer, dies wirkt sich auf die Werbewirkung aus. Beispiel dafür war der Ausstieg großer Unternehmen aus dem Sponsoring des Radsports, ebenso der Verzicht von ARD und ZDF auf Live-Übertragungen der Tour de France wegen der anhaltenden Dopingproblematik.
Mit den Skandalen bei der FIFA rückt nun Korruption im Sport als Risikofaktor für Sponsoren in den Blick. Wenn Global Player wie Adidas und Coca-Cola auf Nachhaltigkeit achten, Standards auch für Compliance in der Lieferkette setzen und Fehlverhalten ihrer Geschäftspartner ahnden, können sie bei ihren Sponsoringpartnern nicht die Augen verschließen. Zwar ist angesichts des Monopols, das die FIFA innehat, die Verhandlungsposition der Sponsoren schwierig, aber langfristig werden sie an einer konsequenten Haltung gegen Korruption nicht vorbeikommen.

Deshalb wurde beim UN Global Compact im März 2012 eine internationale Arbeitsgruppe eingesetzt, die Standards für den „Kampf gegen Korruption in Sportsponsoring und Hospitality“ erarbeitet. Vertreter/innen von internationalen Unternehmen (unter anderem Rabobank, Microsoft, System Capital Management, Accenture), aus dem Sponsoring (FASPO) und der Zivilgesellschaft entwickeln gemeinsam Vorschläge, wie seriöse Firmen eine Null-Toleranzhaltung gegen Korruption nicht nur hinsichtlich ihrer Lieferkette, sondern auch gegenüber ihren Sponsoringpartnern einnehmen. Andernfalls stehen Unternehmen in der Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Nur wenn die Sponsoren so ihrer Verantwortung gerecht werden, kann der Wandel bei der FIFA gelingen und Fußball künftig wirklich für Fair Play anstatt für Selbstbereicherung stehen.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Universität Jena:

Der langjährige Präsident der Fifa hat sich genau wie sein Schwiegersohn für die Vergabe von Marketingrechten bestechen lassen, wie die SZ in der Ausgabe vom 18.07. schreibt. Zudem hat sich das Fifa-System auch in anderen Entscheidungen wie der Vergabe von Austragungsstätten für Weltmeisterschaften als korrupt erwiesen. Unternehmensethisch ist dies in doppelter Hinsicht von einer sehr großen Brisanz, denn einerseits geht es um die Frage, ob Unternehmen direkt bestochen haben, um Marketingrechte zu bekommen, andererseits um die Frage, ob Unternehmen, die sich klar gegen jede Form des Bestechens aussprechen mit Partnern zusammenarbeiten dürfen, die offensichtlich korrupt sind oder zumindest fahrlässig die Möglichkeit von Korruption in Kauf nehmen. Unternehmensjuristisch ist die erste Frage ebenfalls von großer Bedeutung, da beispielsweise die amerikanische Börsenaufsicht sehr streng Unternehmen bestraft, denen Korruption nachgewiesen werden kann wie der Fall Siemens zeigte. Milliardenschwere Geldstrafen waren die Folge.

Die großen Sponsoren wie Coca-Cola, die seit 1982, also von Anfang an, Marketingrechte von der Fifa erhielten, haben sich klar dazu bekannt, dass Bestechung verboten ist. Bereits als Selbstverpflichtung ergeben sich daraus ethisch zwei wesentliche Forderungen:

1. Wenn Unternehmen, die als Sponsoren tätig sind, bestochen haben, müssten sie von sich aus von den betreffenden Verträge zurücktreten, da diese unrechtmäßig zustande gekommen sind. Es wäre angemessen, dass die Verträge rasch gelöst und neu ausgeschrieben werden.

2. Wenn Unternehmen, die als Sponsoren tätig sind, nicht bestochen haben, um Marketingrechte zu erhalten, müssten sie dennoch konsequenterweise ihre Beziehung zu einem Partner, hier der Fifa, abbrechen, wenn dieser Partner nachweislich korrupt ist und keine Bereitschaft zu zeigen scheint, mit den alten „Gewohnheiten“ zu brechen, also nicht bereit ist, effektive Präventionsmaßnahmen zu treffen.

Darüber hinaus wäre unternehmensjuristisch zu fordern, dass Unternehmen, die Fifa-Funktionäre bestochen haben in ähnlich strenger Weise zur Verantwortung gezogen werden wie Unternehmen, die in anderen Geschäftsbereichen korrumpieren.

Grundsätzlich müssen Unternehmen gerade vor dem Hintergrund der juristischen und moralischen Unzulässigkeit der Korruption klarstellen, dass sie keine Verträge mehr mit der Fifa abschließen und bestehende auslaufen lassen, solange die Fifa nicht verlässlich und überzeugend nachweist, nicht mehr bestechlich zu sein.

Prof. Thomas Beschorner, Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen:

Zuerst muss man festhalten, dass die Vorkommnisse bei der FIFA, die jetzt ans Licht kommen, für den aufmerksamen Beobachter nicht wirklich überraschend sind, denn das Thema Ethik wird bei der FIFA offensichtlich nicht ernst genommen. Schon die Berufung von Luciano Pavarotti in eine Ethik-Kommission im vergangenen Jahr provozierte Stirnrunzeln. Die jetzigen Verlautbarungen von Herrn Blatter, bei denen die Korruption von Havelange und Teixeira als „Provisionszahlungen“ heruntergespielt werden, zeugen nicht nur von wenig Fingerspitzengefühl, sondern sind aus ethischer Sicht jenseits von Gut und Böse. Das Sponsoring von Unternehmen kann dabei natürlich zum Thema gemacht werden.

Ganz allgemein können wir feststellen, dass Sponsoring zunehmend moralische aufgeladen ist, was eine neue Rolle von Unternehmen widerspiegelt, an die sich nicht ökonomische, sondern auch moralische Erwartungen richten. Die Diskussionen zu den Olympischen Spielen in China, das Formel 1 Rennen in Bahrain, der Euro Songcontest in Baku oder die EURO in der Ukraine sind dafür Beispiele. Unternehmen sollten sich aus meiner Sicht ernsthafter und systematisch mit diesen Thema beschäftigen, mögliche Reputationsschäden beachten und auch mögliche Reputationsgewinne bei einem möglichen Nein oder einem Rückzug bedenken.

Natürlich ist es nur konsequent auszusteigen, wenn sich ein Unternehmen in seinem Code of Conduct gegen jedwede Korruption (im eigenen Haus und auch bei Partnern) oder Menschenrechtsverletzungen ausspricht. Ad hoc wird das Problem aber vermutlich nicht zu lösen sein, denn es gibt ja Sponsorenverträge, an die man sich auch halten soll. Es spräche jedoch nichts dagegen, von Sponsorenseite eine offizielle Stellungnahme von der FIFA zu verlangen, um so ein – auch öffentliches – Signal zu setzen. Und viel wichtiger: Man sollte daraus lernen, indem z.B. Ausstiegsklauseln bei moralisch verwerflichen Praktiken in Sponsorenverträge notieren werden. Und dann müssen Unternehmen diese Karte auch hier und da einmal spielen.