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Psychische Erkrankungen spielen bei Arbeitsschutz fast keine Rolle

Berlin (afp) – Psychische Erkrankungen spielen beim Arbeitsschutz fast keine Rolle. Die Gewerbeaufsicht der Länder berücksichtigt das Thema psychische Belastungen nur „bei jeder neunzigsten Besichtigung“ von Betrieben, wie es einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion heißt, die der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag vorlag. Das Ministerium erklärte, es seien veränderte Herangehensweisen notwendig.

„Die bisherigen Konzepte greifen hier nicht“, heißt es in dem Papier des Ministeriums. Psychische Belastungen seien bei Betriebsbesichtigungen „nur schwer zu ermitteln“. Dies müsse „im Rahmen von Gesprächen mit dem Arbeitgeber und den Beschäftigten sowie durch intensive Beobachtungen vor Ort ermittelt werden“. Diese Vorgehensweise sei jedoch „zeit- und personalaufwendiger“ als die bisherige Ermittlung „klassischer Gefährdungsfaktoren“ wie beispielsweise von Grenzwerten bestimmter Stoffe.

Erste Schritte zur Qualifizierung des Aufsichtspersonals hätten die Länder und Unfallversicherungsträger bereits eingeleitet, heißt es vom Ministerium weiter. Zudem werde derzeit ein Konzept erarbeitet, um die Aufsicht „risikoorientiert“ zu gestalten und somit eine Konzentration auf Problemschwerpunkte in bestimmten Branchen zu ermöglichen.

Zugleich hätten die Länder in den vergangenen Jahren aber „kontinuierlich“ Personal in der Arbeitsschutzaufsicht abgebaut, wodurch die Zahl von besichtigten Unternehmen rückläufig sei. Zudem werde mit einem weiteren Personalabbau gerechnet. Die Bundesregierung beobachte den Personalabbau bei der Arbeitsschutzaufsicht der Länder „nicht ohne Sorge“.

Wie aus dem Ministeriumspapier weiter hervorgeht, gaben 52 Prozent der befragten Arbeitgeber an, für ihren Betrieb eine Gefährdungsbeurteilung vorgenommen zu haben. Eine repräsentative Stichprobe habe zugleich ergeben, dass nur 20 Prozent der befragten Unternehmen diese Beurteilung unter Einbeziehung psychischer Belastungen vornahmen. Je kleiner der Betrieb sei, desto geringer sei zudem die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt eine Beurteilung erstellt wird.

Die Grünen-Abgeordnete Beate Müller-Gemmeke sagte der „Süddeutschen Zeitung“ vom Dienstag, die Antworten der Regierung zeigten eine „traurige Realität“. Nötig sei eine Anti-Stress-Verordnung, forderte sie. So bekämen Aufsichtsbehörden und Betriebe das Handwerkszeug an die Hand, um arbeitsbedingten Stress zu reduzieren.

Das Problem der psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz nimmt zu: Laut einer jüngst veröffentlichten Studie der Bundespsychotherapeutenkammer verdoppelte sich der Anteil der Fehltage wegen Burnouts oder Depressionen seit dem Jahr 2000 in etwa und beträgt derzeit 12,3 Prozent. Psychische Erkrankungen führen demnach zu besonders langen Fehlzeiten von durchschnittlich 30 Tagen. Depressiv erkrankte Arbeitnehmer fehlten durchschnittlich sogar 39 Tage. Nach Berechnungen der Bundesregierung entstehen den Unternehmen jährlich durch psychische Krankheiten Produktionsausfälle von 26 Milliarden Euro.