Nachrichten

Protestcamp mit einem Berg an Problemen: Frankfurter Occupy-Camp vor dem Aus

83 Tage lang haben sie im Schatten der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main gegen die Macht der Banken und die Euro-Rettungsschirme demonstriert. Am 284. Tag sitzen sie in der Mittagshitze unter dem großen Euro-Zeichen und verteidigen das, was es noch zu verteidigen gibt: Ausgerechnet während sich die Euro-Krise weiter zuspitzt, soll das Protestcamp von Occupy Frankfurt verschwinden.

Von Caroline Biehl

Frankfurt/Main (afp) – 283 Tage lang haben sie im Schatten der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main gegen die Macht der Banken und die Euro-Rettungsschirme demonstriert. Am 284. Tag sitzen sie in der Mittagshitze unter dem großen Euro-Zeichen und verteidigen das, was es noch zu verteidigen gibt: Ausgerechnet während sich die Euro-Krise weiter zuspitzt, soll das Protestcamp von Occupy Frankfurt verschwinden. Die Stadt will ihm ein Ende bereiten, weil das Zeltdorf zusehends Anlaufstelle für soziale Randgruppen werde und es dort mehr Dreck und Ungeziefer gebe als politischen Protest.

Jan Umsonst malt im Schatten eines weißen Pavillons ein Plakat – es geht um Nahrungsmittel-Spekulationen. Wild hängen die Dreadlocks um seinen Kopf. Schmal ist Jan, und bald wird er wohl noch schmaler sein, denn der Occupy-Aktivist ist seit Dienstag im Hungerstreik. „Ich will die essentiellen Probleme des Planeten raus in die Welt tragen“, sagt er. Jeden Tag will er nun zu einem Thema referieren. In Sendungsbewusstsein und Hungerstreik ist er angetrieben vom bevorstehenden Ende des Frankfurter Occupy-Camps.

„Ab dem 26. Juli haben sie keine Genehmigung mehr“, bestätigt die Büroleiterin von Frankfurts Ordnungsdezernent, Markus Frank (CDU), Andrea Brandl. „Es gibt noch eine Kulanzfrist, die wir eingeräumt haben, bis zum 31. Juli.“ Danach dürften keine Zelte mehr in dem Park am Frankfurter Willy-Brandt-Platz stehen. Bauen die Aktivisten dann nicht freiwillig ihre Zelte ab, „dann wird das Zeltlager geräumt werden, mit Hilfe der Polizei“, kündigt Brandl an.

Es ist vorauszusehen, dass genau das passieren wird: „Sicherlich werden wir uns ein paar schöne Aktionen einfallen lassen“, meint Aktivist Sascha und erinnert an die „kreativen Aktionen“ vom Mai dieses Jahres. Damals, als die Stadt das Camp wegen eines angekündigten Demonstrationswochenendes vorübergehend räumen ließ, hatten sich die Protestler mit Acryl-Farbe zur Wehr gesetzt. Über 300 Aktivisten waren extra zur Räumung ins Camp gekommen und hatten dort die Polizisten mit Farbe bespritzt.

„Natürlich“ werde die Bewegung das Camp auch diesmal nicht freiwillig räumen, sagt Aktivist J. „Es geht hier nicht nur um eine Finanzdiktatur, es geht auch um die Versammlungsfreiheit“, meint er. Just am gleichen Tag wie in Frankfurt soll auch für das Camp in Düsseldorf Schluss sein. Auch Occupy-Kiel steht vor der Räumung. Dabei seien die Camps doch „ein Mahnmal, kein Freizeitlager“, beklagt sich J.

Ein Mahnmal wurde das Frankfurter Camp aber auch für die sozialen Probleme der Stadt, vor allem die des angrenzenden Bahnhofsviertels: Im Laufe der Monate entwickelte sich das Zeltdorf zusehends zur Anlaufstelle für Drogenabhängige, Obdachlose und zahlreiche Rumänen ohne Wohnsitz. „Wir sind allein gelassen worden mit den Problemen hier im Viertel“, beklagt sich J. Dieser Probleme werden sie nach Auffassung der Stadt nicht mehr Herr.

„Ekelhaft“, sagt Büroleiterin Brandl sei einiges, was sich in jüngster Zeit abgespielt habe: Gekotet hätten Leute in einem Bretterverschlag im Park, eine Rattenhorde breite sich wegen umherliegender Lebensmittel aus. „Die Bürger beschweren sich massiv bei uns“, sagt sie.

Zudem hatten die Kapitalismusgegner zuletzt Geldprobleme. Schulden in vierstelliger Höhe hatten sich angesammelt. Die Müllentsorgungsfirma FFR hatte daher vergangene Woche ihre Tonnen abgezogen. „Die Verbindlichkeiten waren so hoch, dass wir die Konsequenzen gezogen haben“, sagt eine Sprecherin der FFR-Muttergesellschaft FES. Noch immer stünden etwa 10.000 Euro aus, bestätigt Thomas, einer der federführenden Aktivisten im Camp. „Aber das wird zum Monatsende beglichen sein.“

Sollte dann auch für das Camp Schluss sein, will der Hungerstreikende Jan trotzdem weitermachen. Unabhängig vom Zeltdorf, sagt er, habe er eine Mahnwache angekündigt. Und überhaupt sei mit der Räumung der Protest nicht am Ende. „Die sollen uns räumen“, sagt er kämpferisch. „Die befreien damit unser Potenzial“ – das Potenzial zum Protest.

Hinterlassen Sie einen Kommentar