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„Urlaub“ im eigenen Betrieb: In Frankreich halten Arbeiter ihre Fabrik besetzt

Ganz Frankreich ist derzeit im Urlaub, doch im Süden, in einem Ort namens Gémenos, harren bei um die 30 Grad Hitze rund hundert Arbeiter in ihrem Betrieb aus. Die unbeugsamen Mitarbeiter kämpfen dort schon seit 700 Tagen für ihre Tee-Fabrik, deren Schließung der Multi Unilever beschlossen hat.

Von Hugues Jeanneaud

Gémenos (afp) – Ganz Frankreich ist derzeit im Urlaub, doch im Süden, in einem Ort namens Gémenos, harren bei um die 30 Grad Hitze rund hundert Arbeiter in ihrem Betrieb aus. Die unbeugsamen Mitarbeiter kämpfen dort schon seit 700 Tagen für ihre Tee-Fabrik, deren Schließung der Multi Unilever beschlossen hat. Also haben die Arbeiter ihren Betrieb besetzt und fordern Neuverhandlungen zum Erhalt der ursprünglich 182 Arbeitsplätze.

Die Fabrik in der Nähe der Hafenstadt Marseille war in Frankreich die letzte Produktionsstätte für den bekannten Lipton-Tee und die Teemarke Elefant. Doch der Konzern Unilever verlagerte die Produktion nach Polen, und seither weichen die Arbeitnehmer nicht mehr aus ihrem Betrieb. Seit Juli 2011 steht die Produktion ganz still, seit Mai wurden keine Gehälter mehr bezahlt. Das Motto der Arbeiter lautet: „Der Elefanten-Tee ist vor 120 Jahren in Marseille entstanden, er muss in der Provence bleiben.“

Auch wenn der Protest in dem Betrieb „Fralib“, einer hundertprozentigen Tochter von Unilever, besonders spektakulär ist, so steht die Firma doch stellvertretend für die Probleme der französischen Wirtschaft. Wegen der Wirtschaftskrise und wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit werden landesweit Produktionsstätten geschlossen. Allein in den vergangenen drei Jahren gingen 100.000 Arbeitsplätze verloren, knapp 900 Firmen machten dicht, wie eine Studie des Instituts Trendeo ergab.

In Gémenos wollen die Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze und ihren Betrieb mit einem konkreten Projekt retten: Sie schlagen eine Art Kooperative der Angestellten vor, als Alternative zu anderen Übernahmeangeboten. Das Ziel: Der britisch-niederländische Konzern Unilever soll sich noch einmal an den Verhandlungstisch setzen und die Marke Elefant den Angestellten überlassen. Doch der Chef von Unilever Frankreich bleibt seit Monaten hart: „Die Marke Elefant wird Eigentum der Unilever-Gruppe bleiben, und es wird keine Sub-Verträge für die Produktion geben“, sagte er erneut Anfang August.

Dem steht die Entschlossenheit der Arbeiter gegenüber, für ihr Projekt zu kämpfen. Bereits zwei Sozialpläne für ihre Stellen wurden per Gericht gestoppt, gegen einen dritten geklagt. Angeführt von zwei Gewerkschaftern setzen die Angestellten auch auf publikumswirksame Aktionen.

So hatte im französischen Wahlkampf im Februar der inzwischen zum Präsidenten gewählte Sozialist François Hollande an einer Solidaritätsaktion für die „Fralibiens“ in Paris teilgenommen. Der neue Industrieminister Arnaud Montebourg besuchte den Betrieb im Mai. Danach hieß es, Unilever habe sich verpflichtet, den Betrieb vorerst nicht zu räumen und keine Maschinen abtransportieren zu lassen.

Hoffnung gibt es für die streitbaren Arbeiter: Kürzlich kündigte der sozialistische Vorsitzende des Metropolenraumes Marseille, Eugène Caselli, den Aufkauf von Gebäuden und Maschinen an. Zudem interessieren sich zwei Größen der französischen Lebensmittelindustrie für das Projekt. Einer von ihnen, Jean-Pierre Jouve, ist zu einer Investition von 15 Millionen Euro bereit, um Marketing und Verkauf zu organisieren sowie die Marke Elefant zu kaufen. Eines stellte Jouve aber klar: Die Überlassung des Markennamens ist „unabdingbare Voraussetzung“ für ein Gelingen.