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Wenn es um Wirtschaft geht, reden Deutschland und China offen – auch über Umweltschutz und Arbeitsrechte

So sehr Angela Merkel auch dafür warb, dass kritische Berichte von Journalisten durchaus zum besseren Verständnis von Deutschen und Chinesen beitrügen – bei den Themen Menschenrechte und Meinungsfreiheit blieb Chinas Regierungschef Wen Jiabao stets schmallippig. Umso mehr taute Wen auf, als er am zweiten Tag des Kanzlerinnen-Besuchs in China gemeinsam mit Merkel Firmenlenker beider Länder zusammenbrachte.

Tianjin (afp) – So sehr Angela Merkel auch dafür warb, dass kritische Berichte von Journalisten durchaus zum besseren Verständnis von Deutschen und Chinesen beitrügen – bei den Themen Menschenrechte und Meinungsfreiheit blieb Chinas Regierungschef Wen Jiabao stets schmallippig. Umso mehr taute Wen auf, als er am zweiten Tag des Kanzlerinnen-Besuchs in China gemeinsam mit Merkel Firmenlenker beider Länder zusammenbrachte. Und die anwesenden Unternehmer trauten sich auch, ganz offen ihre Probleme mit unverständlichen chinesischen Gesetzen und Auflagen anzusprechen.

In einem Gästehaus der Regierung in Wens Heimatstadt Tianjin sitzen sich die jeweils etwa 20 Unternehmer und Wirtschaftslenker beider Staaten am Freitag gespannt gegenüber. Ungewöhnlich war auch, dass dieses Mal sogar Pressevertreter aus beiden Ländern das Gespräch verfolgen dürfen. „Meine Rede ist schon vorbei, jetzt sind Sie dran“, sagt Wen nach wenigen Begrüßungsworten – ungewöhnlich für chinesische Funktionäre, die für eher ausschweifende Betrachtungen bekannt sind.

Stattdessen wird schnell Tacheles geredet. „Wir appellieren an Sie, dass wir eine Gleichberechtigung deutscher Unternehmen mit Unternehmen in China erlangen können“, sagte der Vorstandssprecher des Autozulieferers Knorr-Bremse, Lorenz Zwingmann. Der Vorstandsvorsitzende des Medizintechnikherstellers Fresenius, Ulf Markus Schneider, beklagt sich über fehlende Genehmigungen für die Vermarktung von Infusionslösungen. „Das ist ein sehr spezielles Problem, wir sollten beim Mittagessen darüber reden“, sagt Wen.

Auch wenn die kulturellen Unterschiede weiterhin groß sind, in der Wirtschaft kommen Deutschland und China nicht mehr ohne einander aus: Auf 144 Milliarden Euro ist das beiderseitige Handelsvolumen 2011 angewachsen. Für China ist Deutschland in der EU der wichtigste Absatzmarkt für diverse Dinge – von Kleidung und Schuhen bis zu Elektronik- und Metallwaren. Deutsche Anlagenbauer und Autohersteller setzen ihre Produkte zunehmend auf dem chinesischen Markt mit einer derzeit prosperierenden Mittelschicht ab.

Doch in der Euro-Krise sind beide Exportnationen unter Druck geraten. In der einst von zweistelligen Quoten verwöhnten Volksrepublik erwarten Experten im kommenden Jahr nur noch ein Wachstum von acht Prozent. Die chinesische Führung fürchtet, dass eine verlangsamte Konjunktur die ohnehin verbreitete soziale Unzufriedenheit gerade in ländlichen Gebieten schüren könnte.

Umso mehr wirbt Wen am Freitag ungewohnt offen um das Vertrauen der deutschen Unternehmer. Ob es um Fragen des intellektuellen Eigentums, die Auflagen für die Hersteller von Verschlüsselungschips oder weniger Bürokratie bei Gütertransporten der Deutschen Bahn geht – „Sie können mir jederzeit einen Brief schreiben“, bietet der Regierungschef den Unternehmern an.

Merkel wiederum betätigt sich in der ihr offensichtlich gefallenden Rolle der Moderatorin. „Da könnte man gleich Nägel mit Köpfen machen“, sagt sie zu Wen gewandt auf den Vorschlag des Aluminium-Hütten-Chefs Ulrich Grillo, deutsche Unternehmen zu einem umweltfreundlichen Abbau der begehrten seltenen Erden beitragen zu lassen. Der Ministerpräsident, dem ein vertrautes Verhältnis zur Kanzlerin nachgesagt wird, nickt und sagt zu, die entsprechenden Kontakte herzustellen.

Die Kanzlerin bietet auch Chinesen Hilfe an, die auf dem deutschen Markt aktiv sind. „Wir wollen auch gute Gastgeber für ihre Unternehmen sein.“ Der Bundesregierung machen die chinesischen Investitionen von derzeit 1,2 Milliarden Euro auf dem deutschen Markt keine Sorgen. Diese seien in Ordnung, solange alles fair verlaufe und Arbeitsplätze schaffe, hieß es vor Merkels Abreise in Regierungskreisen.

In Deutschland allerdings sorgen sich manche um die steigende Zahl von Firmenaufkäufen von Mittelständlern wie des Baumaschinenherstellers Putzmeister. Die Chinesen wollten eh nur die Technologie klauen und die Arbeitsstandards untergraben, heißt es. Wen versucht die Bedenken zu zerstreuen: Auch die Chinesen wollten sich in Deutschland an die Regeln halten. „Wir können nur gemeinsam weitermachen.“