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Schuldsprüche in Prozess um Industriekatastrophe in Frankreich

Toulouse (afp) – Elf Jahre nach der schwersten Industriekatastrophe in Frankreich in der Nachkriegszeit sind ein Tochterunternehmen des Erdölkonzerns Total und der damalige Werksleiter der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden worden. Ein Berufungsgericht in Toulouse verurteilte den damaligen Direktor der Düngemittelfabrik AZote Fertilisant (AZF) am Montag zu drei Jahren Haft, von denen zwei zur Bewährung ausgesetzt wurden, sowie zu einer Geldstrafe von 45.000 Euro. Die Firma Grande Paroisse wurde zu einer Geldstrafe von 225.000 Euro verurteilt.

Bei der Explosion in der Fabrik am Stadtrand von Toulouse am 21. September 2001 waren 31 Menschen ums Leben gekommen und 2500 weitere verletzt worden, als 300 Tonnen Ammoniumnitrat explodierten. Die Explosion mit einer Sprengkraft von hundert Tonnen TNT riss einen zehn Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von fünfzig Metern in die Erde. 30.000 Häuser und Wohnungen im Umkreis von mehreren Kilometern wurden beschädigt.

Das Total-Tochterunternehmen Grande Paroisse und Werksleiter Serge Biechlin seien der Tötung durch “Fahrlässigkeit oder Unvorsichtigkeit” schuldig, befand das Gericht in Toulouse am Montag. Im November 2009 waren Grande Paroisse und der damalige Direktor des Werkes in einem ersten Prozess wegen Zweifeln an ihrer Schuld nach einem Mammutverfahren freigesprochen worden.

Weil die Explosion sich nur zehn Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA ereignet hatte, war zunächst ein Attentat befürchtet worden. Dies schlossen Gutachter aber aus. Ihnen zufolge ist die wahrscheinlichste Ursache, dass ein Arbeiter irrtümlich eine Chlorsubstanz in der Nähe des Ammoniumnitrats gelagert hatte. Dies habe zu einer hochexplosiven Mischung geführt. Bereits 2009 waren in dem Urteil “organisatorische Fehler” in der Düngemittelfabrik angeprangert worden. Es konnte aber nicht eindeutig bewiesen werden, dass die Explosion sich tatsächlich so abspielte und die Fabrik und deren Leitung eine Schuld trugen.

Total hatte stets erklärt, das Szenario eines Chemie-Unfalls sei “unmöglich”. Das Berufungsgericht entschied nun hingegen, dass andere Unfallursachen oder auch ein krimineller Akt auszuschließen seien und es damit ein ausreichendes Fundament für eine Verurteilung gebe. Mit den Strafen gegen den damaligen Werksleiter Biechlin lag das Gericht sogar über der Forderung der Staatsanwaltschaft. Eine Verantwortung des Mutterkonzerns Total sah das Gericht aber nicht.

In dem Berufungsprozess, der bis Mitte März lief, waren 400 Stunden Anhörung abgehalten worden. Die Verteidigung der Angeklagten hatte mehrfach angekündigt, im Falle eines Schuldspruches Revision einzulegen.