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Gentechnik-Studie wirbelt Biotech-Lobby auf – Bundesinstitut: nicht ausreichend belegt

Die Bilder von Laborratten mit riesigen Tumoren lösten bei vielen Betrachtern ein Schaudern aus – und eine hitzige Debatte über die Gefahren von Gentechnik. “Das ist die Studie, auf die wir gewartet haben”, sagte ein Gentechnikgegner, als der französische Forscher Gilles-Eric Séralini seine Langzeituntersuchung zu den Folgen von Genmais auf Ratten veröffentlichte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat die Studie nun scharf kritisiert. Sie zeigt jedoch, wie sensibel die Öffentlichkeit reagiert.

Von Jan Dörner

Brüssel, 3. Oktober (AFP) – Die Bilder von Laborratten mit riesigen Tumoren lösten bei vielen Betrachtern ein Schaudern aus – und eine hitzige Debatte über die Gefahren von Gentechnik. “Das ist die Studie, auf die wir gewartet haben”, sagte ein Gentechnikgegner in Brüssel, als der französische Forscher Gilles-Eric Séralini Mitte September seine Langzeituntersuchung zu den Folgen von Genmais auf Ratten veröffentlichte. Doch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat die Studie nun scharf kritisiert. Sie zeigt jedoch, wie sensibel die Öffentlichkeit auf Gentechnik reagiert.

“Bei Verbrauchern besteht eine große Unsicherheit”, berichtet Dirk Zimmermann, Gentechnik-Experte von Greenpeace. “Sie rufen uns an und fragen: Wo ist Gentechnik überall drin? Essen wir das jetzt jeden Tag?” Frankreichs Regierung brachte aufgrund der Studie rasch ein Verbot bestimmter gentechnisch veränderter Lebensmittel in der EU ins Gespräch und beauftragte ebenso wie EU-Kommission und Bundesregierung umgehend eine Bewertung der Untersuchung.

Während die EU-Behörde EFSA erste Erkenntnisse in dieser Woche vorlegen will, kam das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits zu einer vernichtenden Bewertung: Die Ergebnisse seien experimentell nicht ausreichend belegt, es gebe Schwächen im Aufbau sowie in der statistischen Auswertung. Die Anzahl der untersuchten Tiere sei zu klein und nicht internationalen Standards entsprechend. Zudem wird den Forschern vorgehalten, einen Rattenstamm benutzt zu haben, der sowieso eine “relativ hohe” Anfälligkeit für Krebserkrankungen aufweise.

Kurzum: Die Schlussfolgerungen der Autoren seien nicht nachvollziehbar, erklärte das BfR. Also kein Grund zur Sorge? Auf keinen Fall, mahnt der Gentechnik-Experte der Grünen im Bundestag, Harald Ebner: “Die Séralini-Studie hat gezeigt, dass wir noch zu wenig über die Langzeitfolgen von Genmais-Verfütterungen wissen.” Denn normalerweise werden gentechnisch veränderte Pflanzen während des Zulassungsprozesses in 90-Tage-Tests auf mögliche Gefahren untersucht.

Séralini hatte 200 Ratten über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet und einen Teil von ihnen mit dem Genmais NK603 gefüttert, der in der EU zwar nicht zum Anbau, aber für den Import und zur Verarbeitung in Lebensmitteln oder Tierfutter erlaubt ist. Sein Fazit: Die mit dem Genmais gefütterten Nager starben jünger und erkrankten deutlich häufiger an Krebs. “Deshalb kann die Antwort nur sein, weitere Anbau- und Import-Zulassungen auszusetzen und industrie-unabhängige Forschung zu fördern, anstatt die Bürgerinnen und Bürger als Versuchskaninchen zu missbrauchen”, fordert Ebner.

Widerspruch kommt vom Verband EuropaBio, der die Bioindustrie-Unternehmen in Brüssel vertritt. “Es gibt keinen Grund, das von den EU-Staaten vereinbarte Zulassungssystem aufgrund dieser fehlerhaften Studie zu ändern”, sagt EuropaBio-Direktor Carel du Marchie Sarvaas. Auch eine längere Testphase als 90 Tage sei unnötig.

Die EU-Datenbank für zugelassene Genpflanzen listet derzeit knapp 50 genveränderte Mais-, Baumwoll-, Sojabohnen-, Kartoffel- oder Rapssorten auf, die Großkonzernen wie Bayer, BASF oder Monsanto gehören. Die meisten Genpflanzen sind für den Import erlaubt. Angebaut werden dürfen bisher nur der Genmais MON810 von Monsanto und die Kartoffel Amflora von BASF. Regelmäßig werden neue Anträge auf Zulassung in der EU gestellt. Nach Informationen der Grünen liegen bei der EU-Kommission derzeit 32 Anträge vor.

Darüber entscheiden sollen eigentlich die EU-Länder, unter denen sich jedoch nicht immer eine ausreichende Mehrheit für oder gegen eine Zulassung findet. So etwa auch bei dem Votum über den Genmais MIR162 des Herstellers Syngenta in der vergangenen Woche. Nun liegt die Entscheidung bei der EU-Kommission – und da es nach dem bisherigen Verfahren keine Hinweise auf Gesundheitsgefahren gibt, wird sie den Mais zulassen, wie ein Sprecher am Dienstag mitteilte.