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Pharmaindustrie: Marketing bleibt schwieriges Nachhaltigkeitsthema

Mit einem weltweiten Umsatz von mehr als 600 Milliarden Euro pro Jahr, gehört die Pharmaindustrie zu den wirtschaftlichen Schwergewichten. Mit weiterhin positiven Aussichten, denn Gesundheit gehört zu den Megatrends der nächsten Jahrzehnte. Bis noch vor wenigen Jahren stand es allerdings nicht gut um den Ruf der Pharmaindustrie. Inzwischen wurden Fortschritte erzielt, es gibt aber auch noch viel zu tun.

Basel (csr-news) > Mit einem weltweiten Umsatz von mehr als 600 Milliarden Euro pro Jahr, gehört die Pharmaindustrie zu den wirtschaftlichen Schwergewichten. Mit weiterhin positiven Aussichten, denn Gesundheit gehört zu den Megatrends der nächsten Jahrzehnte. Bis noch vor wenigen Jahren stand es allerdings nicht gut um den Ruf der Pharmaindustrie. Inzwischen wurden Fortschritte erzielt, es gibt aber auch noch viel zu tun.

Die Pharmaindustrie bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen lukrativen Marktchancen und dem sozialen Ziel einer kostengünstigen medizinischen Versorgung, heißt es im neuen Sustainability Spotlight aus dem Bankhaus Sarasin. Im Fokus, die Nachhaltigkeitsperformance der Pharmaindustrie. Es sind zwei große Themen, an denen sich die Entwicklung beurteilen lässt, der verbesserte Zugang zu Medikamenten in Entwicklungsländern und die Anwendung unethischer oder illegaler Marketingpraktiken. Während bei ersterem Boden gut gemacht werden konnte, bleibt beim Thema Marketing noch viel Verbesserungspotenzial, so das Fazit der Untersuchung.

Die demografische Entwicklung in vielen Ländern spielt den Pharmaunternehmen praktisch in die Hände, älter werdende Bevölkerungen verlangen mehr und bessere medizinische Versorgung. Hinzu kommt ein wachsender Wohlstand in den Schwellenländern. Für die nächsten Jahre wir der Branche ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 3 – 6 Prozent prognostiziert. Auf der anderen Seite erfährt die Branche zunehmenden Druck von Staat und Gesellschaft. In den Industrieländern sind es die stark steigenden Gesundheitskosten, in den Entwicklungsländern die sehr lückenhafte medizinische Versorgung. Gerade der verbesserte Zugang zu Medikamenten in den ärmsten Ländern gehört zu den wichtigsten Nachhaltigkeitskriterien der Pharmabranche. In diesem Bereich haben die Sarasin-Analysten allerdings eine deutliche Verbesserung festgestellt. Demnach werden in zahlreichen Entwicklungsländern Präparate mittlerweile zum Selbstkostenpreis abgegeben oder durch freiwillige Lizenzierung vor Ort produziert. Die bessere Versorgung führt zu einer Zunahme der Lebenserwartung und gleichzeitig fördert der sich wandelnde Lebensstil der aufstrebenden Mittelschicht in den Schwellenländern Zivilisationskrankheiten. So gewinnen inzwischen neben den für die Regionen typischen Medikamenten gegen Tuberkulose, Malaria oder auch Aids inzwischen auch beispielsweise die sehr forschungsintensiven Krebsmedikamente an Bedeutung. Die Studie verweist hier auf einen wegweisenden Rechtsfall in Indien. Es geht um das Krebsmedikament Glivec des Pharmakonzerns Novartis. Das indische Patenamt hat die für die Patentierung notwendige „erhöhte therapeutische Wirksamkeit“ nicht anerkannt. Dagegen hatte Novartis geklagt und verloren. Nun wird der Fall vor dem Obersten Gerichtshof in Indien verhandelt. Es könnte ein Urteil von grundlegender Bedeutung und großer Tragweite werden. Denn, gewinnt Novartis, würden praktisch die Generikahersteller verlieren und für breite Bevölkerungsschichten dieses bevölkerungsreichen Landes wäre der Zugang zu preiswerten Medikamenten erschwert oder sogar versperrt. Novartis dagegen hätte eine höhere Planungssicherheit auf diesem wichtigen Markt der Zukunft und könnte Vorreiter für andere große Pharmakonzerne sein.

Das andere große Nachhaltigkeitsthema der Branche ist der Umgang mit dem Marketing. Die Brisanz des Themas verdeutlichen die Verhältnisse in den USA, dem weltweit wichtigsten Markt für Pharmaprodukte. Der Kampf um Marktanteile führt zu der Anwendung von illegalen Marketingpraktiken wie dem sogenannten Off-Label-Marketing (Förderung nicht zugelassener Anwendung von Medikamenten), der Intransparenz bezüglich möglicher Nebenwirkungen, Preismanipulationen sowie der Bestechung. Diese Verstöße führen – gerade in den USA – oft zu Gerichtsverfahren und haben finanzielle Folgen für die Unternehmen. In den USA verursachten entsprechende Strafen und Abfindungssummen in den letzten fünf Jahren Kosten von mehr als 25 Milliarden US-Dollar. Einige Unternehmen wie z.B. Roche sind bezüglich der Vermeidung solcher Praktiken bereits auf gutem Niveau. Andere wie GlaxoSmithKline haben die Problematik erkannt und Verbesserungsmaßnahmen eingeleitet. Weitere Unternehmen sollten ebenfalls solche Maßnahmen konsequent implementieren. Eine Herausforderung sind diesbezüglich die wachsenden Aktivitäten der Pharmaunternehmen in Schwellenländern. Auf diese wird die Hälfte des weltweiten Wachstums der Nachfrage nach Pharmaprodukten bis 2015 entfallen.

Europäische Unternehmen schneiden im Sarasin-Nachhaltigkeitsranking überdurchschnittlich gut ab. Sehr gute Ergebnisse erzielen Novo Nordisk und Roche. Beide haben in den Bereichen Geschäftsethik (Marketing, Wettbewerbsverhalten), Zugang zu Medikamenten, Produktqualität/-haftung und Umwelt einen sehr guten Leistungsausweis. In den Schwellenländern qualifizieren sich ebenfalls ein paar Unternehmen für das nachhaltige Anlageuniversum. In Südafrika ist das Pharmaunternehmen Aspen der größte Produzent von Medikamenten für HIV/Aids. Ein ebenfalls sehr fortschrittliches Unternehmen ist Genomma Lab. Es ist der größte Produzent von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten in Mexiko.

Das Faktenpapier „Pharma: Marketingpraktiken bleiben nachhaltiges Risiko“ (Autor: Andreas Holzer) ist in deutscher und englischer Sprache gratis erhältlich bei: media@sarasin.ch

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