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Großstadtgärtnern gegen den Smog: Bewohner von Mexiko-Stadt proben die grüne Revolution

Inmitten des atemberaubend versmogten Betondschungels von Mexiko-Stadt findet eine Revolution statt – eine Öko-Revolution. Die Bewohner der mexikanischen Hauptstadt ziehen auf den Dächern ihrer Häuser Gemüse, pflanzen Bäume in Baulücken, fahren mit dem Fahrrad oder mit umweltfreundlichen Elektro-Taxis. Mit anderen Worten: Sie bieten der Einöde aus Stein und Glas und der dreckigen Luft in der 20-Millionen-Metropole die Stirn.

Von Laurent Thomet

Mexiko-Stadt (afp) – Inmitten des atemberaubend versmogten Betondschungels von Mexiko-Stadt findet eine Revolution statt – eine Öko-Revolution. Die Bewohner der mexikanischen Hauptstadt ziehen auf den Dächern ihrer Häuser Gemüse, pflanzen Bäume in Baulücken, fahren mit dem Fahrrad oder mit umweltfreundlichen Elektro-Taxis. Mit anderen Worten: Sie bieten der Einöde aus Stein und Glas und der dreckigen Luft in der 20-Millionen-Metropole die Stirn.

„Das hier ist unser Votum für die Umwelt“, sagt Elías Cattan, ein 33-jähriger Architekt, und zeigt auf den Salat, die Zwiebeln und Chilis, die er auf dem Balkon seines Dachgeschoss-Büros hegt und pflegt. „Das ist ein Fenster zur Zukunft – es ist so wichtig, sich wieder mit der Erde verbunden zu fühlen.“

Vor zwanzig Jahren kürten die Vereinten Nationen (UN) Mexiko-Stadt zur am stärksten verschmutzten Stadt weltweit. Der Schriftsteller Carlos Fuentes sagte in seinem Roman „Cristóbal Nonato“ („Christoph, Ungeborn“) schwarzen sauren Regen vorher, der auf die Stadt niedergehen werde. Doch es brauchte gar keine Horrorszenarien – schon in der Realität war die Umweltqualität so miserabel, dass über der Stadt Vögel tot vom Himmel fielen.

Inzwischen gehört Mexiko-Stadt nicht mehr zu den zehn dreckigsten Städten überhaupt. Das hat zum einen damit zu tun, dass andere Städte mittlerweile noch schmutziger sind. Das ist zum anderen aber auch Verkehrsauflagen zu verdanken, der Schließung von Fabriken und den Umweltschutzplänen der Stadtverwaltung seit 2007. Mexiko-Stadt hat seither eine halbe Million Bäume gepflanzt, den Fahrradverleih ausgeweitet und gasbetriebene Busse an den Start gebracht.

In diesem Jahr erlebten zudem elektrische Null-Emissions-Taxis einen Boom. Taxifahrer Cristóbal Reynoso sagt, manche seiner Fahrgäste wüssten zunächst gar nicht, dass sie in einer umweltfreundlichen Limousine säßen: „Das ist immer wieder aufregend, wenn ich erzählen kann, dass das Auto elektrisch betrieben wird, dass es keinen Kraftstoff frisst und keinen Auspuff hat!“

Es sind aber vor allem die Bürger von Mexiko-Stadt, die es ernst meinen mit einer saubereren Umwelt. So gehen viele am ersten Sonntag des Monats in den Chapultepec-Park, wo sie Recycling-Abfälle wie Altglas oder Altpapier gegen regional angebautes Obst und Gemüse eintauschen. Eine Bürgerinitiative namens VerdMX hat mehrere riesige „vertikale Gärten“ geschaffen, die die Stadt attraktiver machen und die Luft säubern sollen.

Privatleute, die selbst Obst und Gemüse anbauen wollen, brauchen in der Mega-Stadt jedoch Kreativität – und einiges an Wissen. Die Stadtverwaltung und private Organisationen helfen den Amateurgärtnern deshalb. Die Großstadtgärtnerei sei „überall machbar, wo mindestens fünf bis sechs Stunden am Tag Sonne hinkommen“, sagt Liliana Balcázar, Vize-Chefin einer städtischen Einrichtung, die Bürger mit gärtnerischen Ambitionen unterstützt.

Architekt Cattans erste Schritte als Großstadtgärtner hat Gabriela Vargas begleitet. Diese machte einst der Wunsch zur Hobby-Gärtnerin, ihrer Tochter gesünderes Essen vorzusetzen. „Als ich vor zwölf Jahren loslegte, galt ich hier als die Irre, die Salat in ihrer Wohnung züchtet“, erinnert sich Vargas, inzwischen Projektleiterin bei „Cultiva Ciudad“. Diese Organisation berät Schulen, Institutionen, aber auch Privatleute beim Gärtnern. Heute hat Vargas Größeres im Blick als Salatköpfe – sie pflanzt Bäume.

Vergangenes Jahr spendierte Vargas‘ Organisation verschiedenen Stadtvierteln rund 6000 Bäume, die in Mexiko-Stadt gezogen wurden. Vargas‘ neues Projekt ist ein Obstgarten, in dem Apfel-, Guaven- und Pfirsichbäume wachsen sollen. Dazu stellt die Stadt ihr ein Gelände von rund 1650 Quadratmetern Fläche zur Verfügung – auf dem einst ein Hochhaus stand.

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