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Weihnachtsbaum-Gütesiegel Fair Forest: Eine gute Idee?

„Wir haben eine sehr billige Werbung im Moment“, sagt Waldbauer Georg Feldmann-Schütte aus Schmallenberg im Sauerland. Gemeinsam mit einigen Kollegen hat er ein Gütesiegel für Weihnachtsbäume aufgelegt: „Fair Forest“. Das Siegel findet derzeit eine – durchgängig kritische – Beachtung in Tageszeitungen und Fernsehbeiträgen. Die Bürgerinitiative „Giftfreies Sauerland“ beflügelt diese Kritik.

Schmallenberg (csr-news) – „Wir haben eine sehr billige Werbung im Moment“, sagt Waldbauer Georg Feldmann-Schütte aus Schmallenberg im Sauerland. Gemeinsam mit einigen Kollegen hat er ein Gütesiegel für Weihnachtsbäume aufgelegt: „Fair Forest“. Das Siegel findet derzeit eine – durchgängig kritische – Beachtung in Tageszeitungen und Fernsehbeiträgen. Die Bürgerinitiative „Giftfreies Sauerland“ beflügelt diese Kritik.

An den heutigen Problemen ist Kyrill zumindest mitschuldig. Im Januar 2007 wirbelte der Orkan ganze Wälder um, in Nordrhein-Westfalen fielen dem Sturm 25 Millionen Bäume zum Opfer. In dem davon stark betroffenen Sauerland wurde ein Teil der ehemaligen Mischwälder durch Weihnachtsbaumschonungen ersetzt. Der Flächenverbrauch durch diese Monokulturen ist im oberen Sauerland seitdem um 800 Prozent angestiegen, schätzt Claudia Wegener von der Bürgerinitiative „Giftfreies Sauerland“. Die Initiatoren kritisieren den Verlust der Mischwälder und den Pestizideinsatz auf den Tannenbaumplantagen. „Die spritzen bis an die Hausgärten ran“, sagt Wegener. Deshalb habe bereits mancher Sauerländer auf den Genuss von Gemüse aus seinem eigenen, an die Schonungen angrenzenden Garten verzichtet.

„Sauerland – das Weihnachtsbaumland“

Die Bürgerinitiative und die Weihnachtsbaumproduzenten standen über Monate hinweg im Dialog. Der endete, als einige Anbieter mit einem Siegel gekommen seien, so Wegener. Mit den darin zugesicherten Maßnahmen sind die Bürger aus der Initiative „Giftfreies Sauerland“ nicht einverstanden. „Das ist viel zu wenig“, sagt Wegener, die sich nicht grundsätzlich gegen die Tannenaufzucht stellt. „Das Sauerland ist das Weihnachtsbaumland.“ Aber angesichts des enormen Flächenzuwachses sei die Verhältnismäßigkeit überschritten. Ihr wäre es am liebsten, wenn die Landwirte ganz auf den Pestizideinsatz verzichten würden. Aber es müsse zumindest ein Mittelweg möglich sein. Angrenzend an Wohnbebauung und in Trinkwassergebieten dürfe nicht gespritzt werden, sagt Wegener. Sie kritisiert, dass durch das neue Gütesiegel „Fair Forest“ ein falscher Eindruck erzeugt werde. Wegener weiter: „Jeder Bürger glaubt, er kauft einen Biobaum.“

Große Pläne für das neue Siegel

56 Sauerländer Weihnachtsbaumbetriebe, die gemeinsam 70 Prozent der lokalen Anbauflächen besitzen, haben sich zusammengeschlossen und vermarkten ihre Tannen unter dem neuen Label. Waldbauer Georg Feldmann-Schütte, einer der Aktiven in diesem Bündnis, legt zum Zuwachs der Tannenbaumschonungen andere Zahlen vor als die Bürgerinitiative: 40.000 Hektar Wald habe Kyrill zerstört, 2.200 Hektar davon würden heute für die Aufzucht von Weihnachtsbäumen genutzt. Nur 10 Prozent der Tannen würden auf Waldflächen gezüchtet, der überwiegende Teil wachse auf landwirtschaftlichen Flächen.

Auch die Kritik am Pestizideinsatz teilt Feldmann-Schütte nicht. Das „Fair Forest Gütesiegel“ untersagt den Einsatz der ohnehin streng reglementierten tallowaminhaltigen Glyphosate. Zulässig ist dagegen Verwendung von Unkrautbekämpfungsmitteln mit dem Hauptwirkstoff Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu wirken. Feldmann-Schütte verweist auf Zahlen des Glyphosat-Anbieters Monsanto. Danach wurden 7.000 t des Wirkstoffs 2010 nach Deutschland eingeführt und nur 100 t in Tannenbaumschonungen verwendet. „Kartoffelfelder kriegen mehr Glyphosat ab als alle Weihnachtsbäume“, sagt Feldmann-Schütte.

Für das Weihnachtsbaum-Gütesiegel hat der Waldbauer weitreichende Pläne. Derzeit sei man mit einem Zertifizierer im Gespräch über Audits für die teilnehmenden Betriebe. Und zukünftig könnten auch Brennholz und der Tourismus im Sauerland mit dem Gütesiegel ausgezeichnet werden. Zugleich stellt Feldmann-Schütte klar: Das Fair Forest-Siegel „hat mit ökologisch nichts zu tun“.

Warum nicht als Regionalsiegel?

Dass es aber durch die Gestaltung der Website dennoch den Eindruck eines Umweltsiegels erweckt, kritisiert auch der Ökotoxikologe Philip Heldt von der Verbraucherzentrale NRW. Zudem weist die Verbraucherzentrale darauf hin: Das Fair Forest-Siegel steht zum Fair Trade in keiner Verbindungen. Die Angst der Sauerländer vor den Glyphosat-haltigen Pestiziden kann Heldt verstehen. Deren Schädlichkeit sei „nicht einwandfrei nachgewiesen, aber Studien legen den Verdacht nahe“. Heldt fragt sich, warum die Waldbauern nicht den Entschluss fassten: „Wir machen ein Regionalsiegel.“ Das hätte für die Einsparung von CO2 durch kürzere Transportwege und für die Produktion nach heimischen Standards gestanden und keinen falschen Eindruck erweckt. Die Verbraucherzentrale NRW hat einen offenen Brief an die Siegelvereinigung der Waldbauern geschrieben und wartet noch auf eine Antwort. Bis zu ökologisch und sozial nachhaltig produzierten und zertifizierten Weihnachtsbäumen ist es auch sonst noch ein Weiter weg: Nach Expertenschätzungen beträgt deren Anteil an den etwa 25 Millionen in Deutschland verkauften Weihnachtsbäumen um die ein Prozent.

Das strittige Siegel im Internet:
www.fair-forest.de

Die Bürgerinitiative im Internet:
www.giftfreies-sauerland.de

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