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Deutschland bei Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung vorn

Berlin (afp) – Deutschland liegt beim Einsatz von Antibiotika in der Tiermast weit vorn in Europa: Etwas mehr als 170 Milligramm pro erzeugtes Kilogramm Fleisch werden hierzulande jährlich verabreicht, wie der BUND in seinem am Donnerstag veröffentlichten „Fleischatlas“ schätzt. Einer Stichprobe der Grünen zufolge ist etwa frisches Schweinemett oft mit Keimen belastet, die gegen Antibiotika resistent sind.

Antibiotika hielten in Deutschland wie auch in anderen Ländern mit hohem Einkommen die meisten Tiere bis zur Schlachtung am Leben, heißt es im „Fleischatlas“ vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Heinrich-Böll-Stiftung. Zum anderen begünstigten diese Medikamente ein rascheres Wachstum der Tiere. Das sei in der EU zwar seit 2006 verboten, die Menge der eingesetzten Antibiotika habe seither jedoch nicht abgenommen. Häufig werde die ganze Herde behandelt, nicht nur ein krankes Tier.

Tiere bekämen in der Regel die gleichen Wirkstoffe wie Menschen; und entwickeln sie resistente Kolibakterien oder Salmonellen, könnten diese auch für Menschen gefährlich werden. Europaweit sterben jährlich rund 25.000 Menschen auf Grund von Antibiotika-Resistenzen, wie es im „Fleischatlas“ heißt.

Die Grünen-Bundestagsfraktion ließ im Dezember in zehn großen Städten an jeweils fünf Orten Schweinemett einkaufen – in Discountern, Supermärkten und Bäckereien. Die Produkte, etwa Zwiebelmettwurst, Mettbrötchen oder frisches Mett, ließ sie im Labor untersuchen. Demnach waren 16 Prozent der Proben mit antibiotikaresistenten Keimen belastet.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, und der agrarpolitische Sprecher Friedrich Ostendorff kritisierten, Mastställe seien „quasi ein riesiges Trainingsgebiet für Keime, um resistent gegen Antibiotika zu werden“. Sie forderten, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast „deutlich“ zu reduzieren. Dies sei nur möglich, wenn die Größen der Herden verkleinert würden und die Tiere mehr Platz bekämen.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger kritisierte, es würden weiterhin neue Megaställe gebaut, deren Förderung Fleisch beim Discounter scheinbar billig mache. „Tatsächlich zahlen die Verbraucher einmal beim Kauf des Fleisches, dann mit Steuergeld für neue Ställe und Schlachthöfe und drittens für die Umwelt- und Gesundheitsschäden.“ Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) habe es nicht geschafft, hier Veränderungen einzuleiten. Der BUND setze sich dafür ein, bei der laufenden EU-Agrarreform die Vergabe der Subventionen an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen zu binden.

Aigners Sprecher Holger Eichele verwies auf die im September von der Regierung beschlossenen Änderungen des Arzneimittelgesetzes, die helfen sollen, den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast deutlich zu senken. Demnach sollen Tierhalter und Tierärzte den Einsatz von Antibiotika künftig noch umfassender dokumentieren, und Behörden sollen konkrete Vorgaben zur Tierhaltung machen können.

Mehrere Studien hatten einen übermäßigen Medikamente-Einsatz in der Tiermast aufgedeckt: Nordrhein-Westfalen etwa veröffentlichte Ende 2011 eine Untersuchung, wonach fast alle Hähnchen aus Mastbetrieben Antibiotika bekommen, und zwar zum Wachstums- oder Gesundheitsdoping. Niedersachsen kam zu ähnlichen Ergebnissen bei der Aufzucht von Kälbern und Schweinen.

Über den gestern vorgestellten „Fleischatlas“ informieren wir sie hier: