Nachrichten

Lehrlinge ohne Grenzen: Deutsch-französische Berufsausbildung soll intensiviert werden

Zunehmender Fachkräftemangel in Deutschland, immer mehr Arbeitslose in Frankreich: Bei der Lösung der Probleme zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, dürfte kein Problem sein – sollte man meinen. Aber entsprechende Ansätze gewinnen nur langsam an Fahrt. Bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags wollen die Regierungen beider Länder unter anderem eine engere Zusammenarbeit bei der Berufsausbildung vereinbaren.

Von Jutta Hartlieb

Straßburg (afp) – Zunehmender Fachkräftemangel in Deutschland, immer mehr Arbeitslose in Frankreich: Bei der Lösung der Probleme zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, dürfte kein Problem sein – sollte man meinen. Aber entsprechende Ansätze gewinnen nur langsam an Fahrt. Bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags in Berlin am 22. Januar wollen die Regierungen beider Länder sich des Themas annehmen und unter anderem eine engere Zusammenarbeit bei der Berufsausbildung vereinbaren.

Nach jüngsten Angaben der EU-Kommission ist die Arbeitslosenquote in Frankreich mit 10,5 Prozent derzeit fast doppelt so hoch wie in Deutschland mit 5,4 Prozent. Bei jungen Leuten klafft die Schere sogar noch weiter auseinander: Derzeit sind 25,5 Prozent der Franzosen unter 24 Jahren auf Jobsuche, gegenüber 8,1 Prozent bei den jungen Deutschen.

Vor allem in Baden-Württemberg werden konkrete Vorschläge für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Spannung erwartet. Denn das Bundesland mit seiner boomenden Industrie bemüht sich schon lange um Fachkräfte aus dem benachbarten Elsass. Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart sucht ihrem Sprecher Olaf Bentlage zufolge vor allem Ingenieure, Facharbeiter für die Metallindustrie, Angestellte für die Hotel- und Gaststättenbranche, Krankenschwestern und Erzieher.

Arbeitsagenturen auf beiden Seiten des Rheins arbeiten bereits eng zusammen – sie tauschen Stellenangebote aus und veranstalten regelmäßig „Jobdatings“, bei denen Arbeitssuchende mit potenziellen Arbeitgebern zusammentreffen. Doch trotz aller Bemühungen ist die grenzüberschreitende Jobvermittlung nicht einfach.

Denn nach wie vor gibt es bürokratische Hürden. Wenn sich etwa ein Arbeitsloser aus Straßburg in der Region Stuttgart umschulen lassen will, zahlt ihm das französische Arbeitsamt die Fahrtkosten nur bis an die Grenze. Wenn er die Umschulung dagegen im tausend Kilometer entfernten Toulouse absolviere, könne er die Unterstützung bekommen, erläutert Cyprien Fischer vom Straßburger Arbeitsamt. „Das ist absurd.“

Ein weiteres Hindernis sind mangelnde Sprachkenntnisse. Zwar bieten die Schulen in den ostfranzösischen Grenzregionen weit mehr Deutschunterricht an als im übrigen Frankreich. Doch nur verhältnismäßig wenige Schüler lernen lange genug Deutsch, um die Sprache ausreichend zu beherrschen.

Hinzu kommt, dass die Inhalte der Berufsausbildung nur begrenzt vergleichbar sind: Das duale System in Deutschland ist viel praxisbetonter als die Ausbildung in den französischen Berufsschulen. „Die deutschen Arbeitgeber wissen oft nicht, was ein französischer Bewerber kann“, sagt Arbeitsagentur-Sprecher Bentlage.

Die Behörde hat daher Info-Broschüren für deutsche Arbeitgeber erstellt, die über Berufsabschlüsse in Frankreich informieren. Außerdem organisieren die Arbeitsämter für arbeitssuchende Franzosen Kurse über die in Deutschland üblichen Bewerbungsformalitäten – denn auch hier gibt es erhebliche Unterschiede.

Auch binationale Angebote für Berufsausbildung gibt es in der Region bereits: Seit zwei Jahren können Lehrlinge etwa in Frankreich die Berufschule besuchen und in Deutschland den praktischen Teil der Ausbildung machen – oder umgekehrt. Die Nachfrage ist aber bisher sehr mäßig: Nach Angaben eines Sprechers der Region Elsass haben bisher nur rund ein dutzend Auszubildende den Sprung über den Rhein gewagt. „Wie bei jeder Innovation dauert es, bis sich eine Idee durchsetzt“, meint der Straßburger Oberbürgermeister Roland Ries.

Möglicherweise liegt das mangelnde Interesse aber auch an den Arbeitsbedingungen in Deutschland. Die Gehälter sind auf der deutschen Rheinseite nicht mehr deutlich höher, die tariflichen Ausbildungsvergütungen sogar niedriger als in Frankreich. Bentlage räumt ein: „Die Beschäftigung in Deutschland verliert für Franzosen an Attraktivität.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar