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Gemeinwohl-Ökonom: Die klassische Wirtschaft hat ein „Ablaufdatum“

Rund 1.000 Unternehmen in 10 Staaten unterstützen die Gemeinwohl-Ökonomie. Nach Angaben der Initiatoren handelt es sich dabei um „eine alternative Wirtschaftsordnung, die Schluss macht mit Wachstums- und Fresszwang und Wirtschaft neu denkt.“ „Das klassische Wirtschaften hat irgendwann ein Ablaufdatum“, sagt der Nachhaltigkeitsmanager des Medienhauses Gugler, Reinhard Herok.

Wien (csr-news) – Rund 1.000 Unternehmen in 10 Staaten unterstützen die Gemeinwohl-Ökonomie. Nach Angaben der Initiatoren handelt es sich dabei um „eine alternative Wirtschaftsordnung, die Schluss macht mit Wachstums- und Fresszwang und Wirtschaft neu denkt.“ Zu den Unterstützern gehört das Melker Medienhaus Gugler, das damit Problemen wie einer steigenden Arbeitslosigkeit und zunehmenden Umweltbelastungen begegnen will: „Das klassische Wirtschaften hat irgendwann ein Ablaufdatum“, sagt Gugler-Nachhaltigkeitsmanager Reinhard Herok.

Das inhabergeführte Unternehmen setzt ganz auf Nachhaltigkeit, erstellt seit fünf Jahren einen Nachhaltigkeitsbericht und hat für das Jahr 2011 erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt. Dieses wichtige Element der Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Weiterentwicklung des GRI-Ansatzes und schafft Vergleichbarkeit zwischen den Unternehmen in Bezug auf deren Auswirkung auf die Gesellschaft, erläutert Herok. Dem Medienhaus Gugler biete die Bilanzerstellung zugleich die Chance, Neues auszuprobieren und mit gleichgesinnten Unternehmen zu netzwerken. Und sie deckt Handlungsbedarf im eigenen Unternehmen auf. So arbeitet das Medienhaus an der Weiterentwicklung seines Mitarbeiter-Vertretungsgesetzes, so Herok.

Die Nachhaltigkeitsorientierung ist für Gugler ein Erfolgsfaktor und beschert dem Unternehmen zum Beispiel eine hohe Medienpräsenz. Aber die Rücksichtnahme auf Mitarbeiter und Umwelt ist nicht zum Nulltarif erhältlich und nachhaltige Produkte haben ihren Preis. „Wir müssen jeden Tag beweisen, dass es so funktioniert. Denn am Monatsende müssen wir die Gehälter für unsere rund 100 Mitarbeiter zahlen“, sagt Herok. Dass Gugler eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt und veröffentlicht, gilt dem Nachhaltigkeitsmanager als eine Dokumentation der Nachhaltigkeitsorientierung seines Unternehmens gegenüber Kunden und Lieferanten.

Auch die Kräuterhandelsgesellschaft Sonnentor erstellt eine Gemeinwohl-Bilanz. Sprecherin Manuela Seebacher erläutert dazu: „Neun Kolleginnen haben von April bis Juli 2012 in ca. 150 Arbeitsstunden an der Erstellung unseres Gemeinwohl-Berichts und der -Bilanz gearbeitet.“ Das Handelsunternehmen sieht darin eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. „Konkret heißt das, dass wir uns zehn Ziele fürs nächste Jahr vorgenommen haben. Zum Beispiel: Reduktion des CO2-Fußabdrucks um rund ein Drittel, im Speziellen durch den Ausbau der Holz-Hackgutanlage und den völligen Verzicht auf Flüssiggas“, so Manuela Seebacher.

Zu den Pionieren der Gemeinwohl-Ökonomie zählt die Sparda-Bank München. Deren Vorstandsvorsitzender Helmut Lind erläutert: „Die Gemeinwohl-Bilanz besteht in ihrem Kern aus einer Matrix, in der verschiedene Aspekte des Unternehmens beleuchtet werden. Dabei spielen die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter ebenso eine Rolle wie die Produkte, die Lieferanten oder das gesellschaftliche Umfeld, in dem sich das Unternehmen bewegt.“

CSR NEWS fragte die Sparda Bank München nach ihrer Einstellung zu dem Passus aus der Gemeinwohl-Ökonomie, nach dem bei Großunternehmen gehen ab einer bestimmten Größe Stimmrechte und Eigentum an die Beschäftigten und die Allgemeinheit übergehen. Dazu Helmut Lind: „Bei der Sparda-Bank München eG spielt die Mitbestimmung – nicht zuletzt auch durch das Geschäftsmodell Genossenschaft – schon immer eine große Rolle. Dazu gehört der offene und ehrliche Dialog mit Kunden und mit Mitarbeitern auf allen Ebenen. Gelingende Beziehungen setzen immer voraus, dass man sich auf Augenhöhe begegnet.“ Zwar werde der Gedanke der Gemeinwohl-Ökonomie heute von vielen für unwahrscheinlich gehalten, aber unwahrscheinlich seien auch der Fall der Berliner Mauer und ein schwarzer Präsidenten in Amerika gewesen.

Christian Faber erläutert in seinem Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ die Grundgedanken der alternativen Wirtschaftsordnung, als deren „Herzstück“ die Gemeinwohl-Bilanz gilt. Um Anreizsysteme für Gemeinwohlstreben und Kooperationen zu fördern, misst die Gemeinwohl-Bilanz anhand von Nutzwertindikatoren die Auswirkungen von Unternehmen auf die Gesellschaft. Diese Bilanzen werden im Internet veröffentlicht. Gemeinwohl-bilanzierende Unternehmen sollen rechtliche Vorteile wie niedrigere Steuern und Vorrang beim öffentlichen Einkauf erhalten, so die Initiatoren. Bilanzielle Überschüsse dürfen danach nicht mehr aus den Unternehmen entnommen werden. Das Eigentum an Großunternehmen soll schrittweise an dessen Beschäftigte und die Allgemeinheit übergehen.

Weitere Informationen im Internet:
www.gemeinwohl-oekonomie.org

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