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Stahlwerk-Desaster, Schienenkartell und Luxusreisen

Von Martin Achter

Frankfurt/Main (afp) – Dem Essener Stahl- und Technologiekonzern ThyssenKrupp steht am Freitag eine stürmische Hauptversammlung vor. Nachdem das Traditionsunternehmen jüngst Milliardenverluste bekanntgab und es immer wieder Enthüllungen zur Beteiligung an einem Schienenhersteller-Kartell gab, werden sich Vorstand und Aufsichtsrat auf bohrende Fragen beim Aktionärstreffen einstellen müssen. Aktionärsvertreter forderten bereits den Rücktritt von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Es gibt eine ganze Reihe von Themen und Skandalen.

STAHLWERKE IN ÜBERSEE: Die Stahlwerke in Brasilien und den USA sind für ThyssenKrupp massive Verlustbringer. Der Konzern gab für den Bau der Werke unter anderem wegen Baumängeln mittlerweile zwölf Milliarden Euro aus. Für das Werk in Brasilien schwand in den vergangenen Jahren der Wettbewerbsvorteil niedriger Löhne in dem Schwellenland, da das Lohnniveau dort anzieht. Alleine im vergangenen Geschäftsjahr schrieb ThyssenKrupp auf die Werke 3,6 Milliarden Euro ab und schloss tief in den roten Zahlen mit einem Minus von 4,7 Milliarden Euro. Derzeit prüfen mögliche Käufer die Bücher der beiden Werke.

SCHIENENKARTELL: ThyssenKrupp arbeitete über Jahre mit einer Gruppe anderer Schienenhersteller in einem Kartell zusammen und traf Preisabsprachen. Diese gingen zu Lasten der Deutschen Bahn, privater Bahnbetreiber und von Nahverkehrsunternehmen. Das Bundeskartellamt deckte das Kartell im Sommer 2011 auf und verhängte Bußgelder von 124,5 Millionen Euro. Die Deutsche Bahn verklagte das Kartell zudem vor dem Landgericht Frankfurt am Main auf 550 Millionen Euro Schadenersatz. Berichten zufolge könnte diese Klage allein ThyssenKrupp 400 Millionen Euro kosten.

GEFÄLLIGKEITEN: Bertin Eichler, Vertreter der Gewerkschaft IG Metall im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp, kündigte kürzlich seinen Rückzug aus dem Kontrollgremium an. In seiner Funktion war Eichler auf Reisen für ThyssenKrupp in der ersten statt der zweiten Klasse geflogen. Kritiker ließ dies an der Integrität des Arbeitnehmervertreters zweifeln. Auch Journalisten lud der Konzern auf kostspielige Reisen ein. In der Angelegenheit ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Anfang Dezember trennte sich ThyssenKrupp deswegen von der Hälfte seines Vorstandes – auch von Konzernchef Jürgen Claassen.

SCHMIERGELDER: Bei Geschäften in Osteuropa und China sollen Mitarbeiter der ThyssenKrupp-Tochter GfT Bahntechnik Medienberichten zufolge im Jahr 2010 Schmiergelder in zweistelliger Millionenhöhe gezahlt haben. Auch hier laufen Ermittlungen. ThyssenKrupp sieht sich in der Angelegenheit selbst als geschädigt an.

AUFSICHTSRATCHEF CROMME: Gerhard Cromme ist seit 2001 Chef des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp. Seit 1986 war er Vorstandschef der Krupp AG und ihrer Nachfolger. Kritiker werfen ihm deshalb vor, aus heutiger Sicht zweifelhafte Entscheidungen wie die milliardenschweren Investitionen in die Übersee-Werke vorangetrieben oder mitgetragen zu haben. Aktionärsschützer forderten deswegen bereits im Vorfeld der Hauptversammlung mehr oder weniger verklausuliert den Rücktritt Crommes. Der Vorsitzende der mächtigen Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, erklärte jedoch bereits, er stehe hinter Cromme.