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Kongress christlicher Führungskräfte: „Wo Gewissheiten aufhören, fängt das Gewissen an“

Mit einem Besuch von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) endete in Leipzig der 8. Kongress christlicher Führungskräfte unter dem Motto „Mit Werten in Führung gehen“. Der Staat sei auf Bürger angewiesen, die sich an Werten orientieren, um sich selbst zu erhalten, sagte Friedrich. Christen sollten sich aktiv zu den Wertmaßstäben bekennen, die Jesus Christus in der Bibel gegeben hat.

Leipzig (csr-news) – Mit einem Besuch von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) endete am 19. Januar in Leipzig der 8. Kongress christlicher Führungskräfte unter dem Motto „Mit Werten in Führung gehen“. Der Staat sei auf Bürger angewiesen, die sich an Werten orientieren, um sich selbst zu erhalten, sagte Friedrich auf der Veranstaltung mit über 3.200 Teilnehmern – überwiegend aus der Wirtschaft. Christen sollten sich aktiv zu den Wertmaßstäben bekennen, die Jesus Christus in der Bibel gegeben hat, anstatt passiv und zurückhaltend zu sein, so der Bundesinnenminister. Zwei Tage zuvor hatte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bei der Kongresseröffnung gesagt, Christen seien keine besseren Politiker oder Unternehmer, aber sie lebten mit dem Anspruch, sich an ihren Überzeugungen messen zu lassen. Die Plenumsveranstaltungen und über 60 Seminaren des Kongresses behandelten Themen aus Wirtschaft und Ethik.

Christen sollen ihre Überzeugungen leben

Angesichts der Diskussion über Moral und Werte in der Wirtschaft können Christen an Einfluss gewinnen, wenn sie ihre Überzeugungen beispielhaft vorleben. Diese Ansicht vertrat der Professor für Management und Organisation an der CVJM-Hochschule in Kassel, Stefan Jung. „Ob unsere Gesellschaft wieder christianisiert wird, hängt an der Frage: Wer ist in der Lage zu verkörpern, wovon er redet?“, sagte Jung. Die aktuelle wirtschaftsethische Diskussion drehe sich um das Problem: „Dürfen wir alles, was wir können?“. An dieser Stelle greife die soziale Marktwirtschaft regulierend ein. Aber keine Ordnung sei in der Lage, sich selbst zu begrenzen. Jung: „Von außen muss etwas kommen, das sagt: Stopp, hier muss eine Grenze gezogen werden.“ Ein solcher übergeordneter Wert könne die Liebe sein und das, was Jesus Christus darüber lehrte. Jung: „Er redet nicht nur von Liebe, sondern er liebt.“

Wie viel Aldi und wie viel Bio-Supermarkt?

Weil Moral eine übergeordnete Begrenzung brauche, solle der Staat Religion und philosophische Ethik fördern, sagte Jung. Unsere Gesellschaft brauche „Unternehmer, Manager und Führungskräfte, die moralisch gebildet sind“. Führungskräfte würden derzeit mit einer Vielzahl moralischer Forderungen konfrontiert, etwa dauerhaft Arbeitsplätze zu schaffen oder Arbeitszeiten familienfreundlich zu gestalten. Aber auch Verbraucher müssten sich fragen lassen: „Wie viel Aldi wollen wir uns leisten – und wie viel Bio-Supermarkt?“

Zur Teilhabe an der Wirtschaft bekennen

Nach Worten des evangelischen Verleger Norman Rentrop sollte sich die „Kirche zur Teilhabe an der Wirtschaft bekennen“, wenn etwa kirchliche Pensionsfonds Aktienbesitz erwerben. In den USA sei es üblich, dass Kirchenvertreter an den Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften teilnehmen und dort nach der Stellung dieser Unternehmen zu konflikthaften Themen wie der Abtreibung oder den Arbeitsbedingungen in Südamerika fragten. Auch in Deutschland könne sich die Kirche stärker in das Wirtschaftsgeschehen einbringen und dabei eine nachhaltige Unternehmensführung zum Thema machen.

„Projektnomaden“ brauchen Heimat

„Die Digitalisierung der Arbeitswelt und des Privatlebens steht erst am Anfang“. Das sagte der Informationswissenschaftler Prof. Klaus Henning. Nach seiner Ansicht werden immer mehr Menschen als „Projektnomaden“ in weltweit vernetzten Lebens- und Arbeitsbedingungen tätig. „Auch diese Menschen brauchen Heimat“, sagte Henning. Die Digitalisierung biete eine „enorme Chance zur Neugestaltung der Welt“, beispielsweise zu einer neuen Balance der Bereiche Arbeit und Ruhe.

Angesichts der demografischen Entwicklung müssten deutlich bessere Bedingungen geschaffen werden, damit sich junge Familien für Kinder entscheiden. Der Ruf danach dürfe allerdings nicht nur an den Staat gehen. „Wir brauchen viel stärker soziale Familien“, sagte Henning. Die generationsübergreifende Zusammenarbeit müsse neu erfunden werden.

Europa ohne Russland chancenlos

Für das Jahr 2035 prognostizierte Henning neu verteilte weltwirtschaftliche Machtstrukturen: Amerika werde durch das Erstarken Südamerikas weiter eine wichtige Rolle spielen, China und Indien bildeten dann zwei weitere wirtschaftliche Führungsnationen. Europa habe nur eine Chance, als vierte Macht mitzuspielen, wenn die Integration Russlands gelinge. Henning weiter: „Afrika wird leider ein Anhängsel von Europa, China und Indien bleiben.“

Zur derzeitigen positiven Wirtschaftsentwicklung in Deutschland sagte Henning, eine Voraussetzung für die gestiegene Arbeitsproduktivität sei die Zulassung des Niedriglohnsektors gewesen. „Unter dem Gesichtspunkt der Zukunft ist es der einzig mögliche Weg“. Zur Reaktion des Publikums darauf stellte der Informationswissenschaftler fest: „Das war ein verhaltener Applaus.“

Von der „Zeit des Risikos“ in die „Zeit der Unsicherheit“

Die Weltwirtschaft ist aus einer Zeit des Risikos in eine Zeit der Unsicherheit gewechselt und steht vor einem grundlegenden Wandel. Diese Ansicht vertrat der Vorstand der INTES Stiftung für Familienunternehmen, Prof. Klaus Schweinsberg. Angesichts dieses Wandels bereite ihm die „Selbstgefälligkeit in Europa“ Sorgen, sagte der Volkswirt, sie sei ein „Weg in die Verdammnis“. Im „Nebel der Ungewissheit“ müssten sich Entscheidungsträger anders bewegen als in einer Welt des Risikos. Jedoch seien alte Erfolgstugenden wie Handlungswille, Haltung, Hingabe und Haftung auch zukünftig gefragt. Schweinsberg weiter: „Dort, wo die Gewissheiten aufhören, fängt das Gewissen wieder an.“ Der bevorstehende Systemumbruche böte mehr Chancen als Risiken. „Die Chancen ziehen schnell vorbei“, so Schweinsberg, die Risiken seien mit rasch steigenden Kosten verbunden.

Der nach eigenen Angaben größte Wertekongress mit christlichem Bezug in Deutschland wird von der Evangelischen Nachrichtenagentur idea in Kooperation mit tempus Akademie & Consulting ausgerichtet. Der nächste Kongress findet vom 26. bis 28. Februar 2015 in Hamburg statt.

Weitere Informationen im Internet:
www.fuehrungskraeftekongress.de