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Leser diskutieren: Permanenzfähigkeit statt Nachhaltigkeit

„Wir sind jenseits der Nachhaltigkeit! Eine Wirtschaftsweise, welche sich von der Vorstellung eines ruhigen ‚Fluges‘ auf einem vernünftigen Niveau, eben nachhaltig, bewegen möchte, ist nicht mehr möglich. Die verantwortungsvolle Ressourcennutzung gleicht einem Segelmanöver in unberechenbarem Sturm, wobei der Kurs dauernd gewechselt werden muss. Es geht nicht mehr um Nachhaltigkeit, sondern um Permanenzfähigkeit“, meint der Schweizer Forstexperte Andreas Speich.

Zürich (csr-news) – „Wir sind jenseits der Nachhaltigkeit! Eine Wirtschaftsweise, welche sich von der Vorstellung eines ruhigen ‚Fluges‘ auf einem vernünftigen Niveau, eben nachhaltig, bewegen möchte, ist nicht mehr möglich. Die verantwortungsvolle Ressourcennutzung gleicht einem Segelmanöver in unberechenbarem Sturm, wobei der Kurs dauernd gewechselt werden muss. Es geht nicht mehr um Nachhaltigkeit, sondern um Permanenzfähigkeit“, meint der Schweizer Forstexperte Andreas Speich.

Speich war viele Jahre in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in Afrika und Asien und von 1985 bis 1994 als Stadtforstdirektor von Zürich tätig. Seit 2008 lebt er im Ruhestand. Nachfolgend sein Diskussionsbeitrag:

„Mit großem Interesse und Anerkennung habe ich die Ausgabe 02/2012 des CSR MAGAZIN gelesen. Der Beitrag von Herrn Marc Wilhelm Lennartz hat — nicht nur berufsbedingt — meine besonders Aufmerksamkeit gefunden. Allerdings habe ich dazu auch kleine Fragezeichen. Mein Jahrgang ist 1939 und ich war viele Jahre in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit als Forstexperte tätig und innovativ in den Bereichen Community Forestry und Agroforestry.

In aller Kürze mein Vorschlag: Den Begriff Nachhaltigkeit durch Permanenzfähigkeit ersetzen!

Die heutige unsägliche Überbeanspruchung des Begriffs “Nachhaltigkeit” hinterlässt bei mir zunehmend gemischte Gefühle.

Die ursprüngliche forstliche Nachhaltigkeit war darauf bedacht, rein mengenmäßig gerade nur so viel Holz zu schlagen, dass dieselbe Menge über lange Zeit immer wieder aus dem Wald bezogen werden kann, wie es Herr Lennartz richtig darstellt. Welchem Vorrats- (oder Kapital-) Niveau die im Wald stehen gelassene Holzmenge entsprechen soll, hing damals und hängt auch heute noch von den Spezifikationen des gesuchten Produktes ab. Zur Zeit von Hans Carl von Carlowitz war es primär Grubenholz, d.h. kleinere Stammdimensionen für die Abstützung (Sprießung) der Stollen in den Bergwerken. Die mengenmäßig gleich sichere und gute nachhaltige Holzproduktion hätte man auch mit einer viel höheren Vorratshaltung und dickeren Bäumen im Wald erzielen können. Wertmäßig hat sich später gezeigt, dass es viel besser gewesen wäre, stärkere Holzdimensionen heranzuziehen, die damals bald bessere Preise lösten und im Prinzip auch heute lösen, als das Schwachholz.

Wenn man die Preiskomponente und auch die Konjunkturschwankungen dazu nimmt, ist es viel vorteilhafter eine höhere Vorratsmenge im Wald zu halten, als das Carlowitz’sche Nachhaltigkeits-Minimum. Dass dieses Minimum damals als Ziel wertvoll und im Moment richtig war, hat ja seinen Grund in der vorherigen starken Übernutzung der Wälder und dem grassierenden Holzmangel.

Es ist nicht so, wie die forstliche Ertragslehre auch heute noch oft behauptet, dass der optimale nachhaltige Nutzungszeitpunkt genau am Wendepunkt einer theoretischen Zuwachskurve liege. Dieser Zuwachstheorie liegt die nur teilweise richtige Annahme zugrunde, der Holzzuwachs nehme pro Flächeneinheit mit den Jahren immer stärker zu — was richtig ist — bis zu einem vermeintlich exakt definierbaren Zeitpunkt (mathematischer Wendepunkt der theoretischen Zuwachskurve). Man nahm mit wenig Natur- und Ökonomieverständnis an, in den nachfolgenden Jahren, wenn das Holz nicht genutzt würde, nehme der Zuwachs (auf das gesamte Baumalter umgelegt) und sogar der Waldwert stetig ab. Das stimmt nicht. Anstatt eines Wendepunktes gibt es einen viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauernden Zeitraum, in welchem der so genannte Gesamtalterszuwachs je nach den jährlichen Wuchsbedingungen einmal etwas kleiner und dann wieder etwas grösser wird. Gesamthaft bleibt der durchschnittliche Gesamtalterszuwachs jedoch über lange Zeit gemittelt konstant. Diese Zeitspanne pendelt um das halbe natürliche Baumalter (Gebirgsfichte in Europa 400 – 500 Jahre, d.h. optimales nachhaltiges Nutzungsalter etwa 200 – 320 Jahre. Diese lange Alterspanne ist etwa 1/4 des natürlichen Baumalters).

Das hat zwei Konsequenzen: Die wirklich optimale Wirtschaftsführung muss die Bandbreite der Nachhaltigkeit einbeziehen. Dabei ist ein besonderes Augenmerk auf die Reservehaltung, die Abpufferung von Konjunkturschwankungen, die Dynamik des Preis/Dimensionsverhältnisses, Zins- und Investitionsüberlegungen sowie zunehmend auch auf die anderen, nicht holzwirtschaftlichen Waldwirkungen zu richten. Das macht die Weltforstwirtschaft in unzureichender Weise und ist selbst beim FSC nebensächlich. Nur schon wegen der konjunkturellen Dynamik des Preis/Dimensions-Verhältnisses haben viele große private Waldbesitzer in Deutschland (oft im Gegensatz zu den Staatsforsten) schon seit langem und vernünftigerweise einen hohen Holzvorrat im Walde angestrebt.

Da nun der Wald, neben der Holzproduktion und anderen Wirkungen heute seine allergrößte Bedeutung im Klimaschutz hat, nämlich die überlebensnotwendige CO2-Sequestrierung, muss eine Optimierung zwischen der Holzproduktion und der Klimawirkung gesucht werden. Zwischen dem Urwaldzustand mit quasi Null Netto-CO2-Effekt (wie M. W. Lennartz richtig darstellt) und dem heute üblichen, an Carlowitz’scher Vorstellung orientierter Nachhaltigkeit, liegt ein enormer Spielraum, generell vielleicht Faktor 3 oder 4. Primärwälder habe in der Regel eine um ein Vielfaches größeres Holzvolumen als die reinen Nutzholzwälder, sei es in den Tropen, in gemäßigten Breiten oder im subborealen Waldgürtel. In mitteleuropäischen Urwaldreservaten sind das bis zu 1200 Tonnen Biomasse pro Hektare, während reine Nutzholzwälder irrtümlicherweise von vielen Förstern leider schon mit 300 Tonnen/ha als überaltert bezeichnet werden: Man will halt rasch an das Geld und kennt sich weder in der Natur noch in strategischen Belangen genügend aus.

Das bedeutet, bei Befolgung einer dynamischen Nachhaltigkeitsregel (Holz + CO2-Sequestrierung) darf in absehbarer Zukunft nur noch viel weniger Holz geschlagen werden, denn Holz wächst an Holz. Für den Klimaschutz ist es zwingend, die Biomasse im Wald mindestens bis im Jahre 2150 so hoch wie möglich anwachsen zu lassen.

Sehr langfristig, wenn vielleicht die Klimagefahr gebannt sein wird, kann man durchaus wieder zu tieferen Holzvorräten im Wald zurückkehren. Bei dieser in weiter Zukunft theoretisch denkbaren “Liquidation” überschüssiger Holzmasse im Wald wird man viel mehr nutzen können, als die einstmals als nachhaltig bezeichnete Holzmenge. Ob das dann ökologisch und ökonomisch sinnvoll sein wird, haben andere Generationen zu beurteilen.

Holz das eine sehr lange Verweildauer im technischen Gebrauch hat, zum Beispiel gute Möbel oder schöne Holzhäuser, wirkt ebenfalls als Carbon-Offset, ist also doppelt nützlich. Allerdings erzeugt jede Nutzholzverarbeitung viel Abfall, der kurze Zeit später als Treibhauskomponente (Feinstaub, CO2, andere THG) in die Luft geht. Wälder für die Papierherstellung oder Bioenergie zu nutzen, ist weitgehend unverantwortlich. Das Papier ist viel zu billig und das Holz insgesamt auch.

Diese Überlegungen, welche auch in vielen anderen Bereichen der Ressourcenökonomie in mehr oder weniger ähnlicher Weise gelten (z.B. Fischereiwirtschaft!), führt zur nächsten Schlussfolgerung:

2. Wir sind jenseits der Nachhaltigkeit! Eine Wirtschaftsweise, welche sich von der Vorstellung eines ruhigen “Fluges” auf einem vernünftigen Niveau, eben nachhaltig, bewegen möchte, ist nicht mehr möglich. Die verantwortungsvolle Ressourcennutzung gleicht einem Segelmanöver in unberechenbarem Sturm, wobei der Kurs dauernd gewechselt werden muss. Es geht nicht mehr um Nachhaltigkeit, sondern um Permanenzfähigkeit.

Permanenzfähig schließt auch jene Strategien ein, bei welchem ZERO die Maxime ist — oder sogar Rückwärtsbewegungen. Deshalb bin ich glücklich, in Ihrem Heft den Beitrag von John Elkington gefunden zu haben: The Power of Zero.

Permanenzfähigkeit kann aber auch durchaus erlauben, eine Ressource während einer verträglichen Zeitdauer überdurchschnittlich (nicht “nachhaltig”!) zu beanspruchen, wenn dadurch — und das ist entscheidend — die Entwicklung einer neuen, weit besseren Ressourcenstrategie ermöglicht werden kann. So wäre es zum Beispiel durchaus permanenzfähig und sinnvoll (jedoch schwer als “nachhaltig” zu artikulieren), weiterhin Karbonenergien in großem Stile auszubeuten, wenn die dadurch generierbaren pekuniären Ressourcen für die Entwicklung und die möglichst baldige Umstellung auf ZERO-Emissions-Energien auf höchst konsequente Weise angelegt würden. Erst das wäre wirklich zukunftsorientiert. Norwegen macht offenbar ansatzweise so etwas.

3. Ich schlage Ihnen deshalb vor, den Begriff Nachhaltigkeit ganz diskret und kaum bemerkbar allmählich durch den Begriff Permanenzfähigkeit zu ersetzen. Dieser Begriff ist u.a. schon 1991 vom profilierten Wirtschaftsexponenten, Visionär und Kunstmäzen Dr. Thomas W. Bechtler verbreitet worden.“

Diskutieren Sie mit uns: Permanenzfähigkeit oder Nachhaltigkeit?

Den Diskussionseinstieg finden Sie in der XING-Gruppe CSR Professional auf der Startseite und im Forum „Naturschutz“.