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Die Angst geht um unter Niedersachsens Bauern: Die Grünen wollen eine echte Wende in der Agrarpolitik

In keinem anderen Bundesland ist die Agrarwirtschaft auch nur annähernd so wichtig wie in Niedersachsen. Hier werden acht Millionen Schweine gehalten, mehr als es Einwohner gibt. Jedes zweite Stück Federvieh wird hier gemästet. Die Region Weser-Ems wird gerne als Deutschlands Fleischtopf bezeichnet. Seit Sonntag aber geht die Angst um unter den 60.000 Bauern: SPD und Grüne verhandeln über eine Koalition – und die Grünen wollen SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil ihre Stimmen nur bei einer echten Wende in der Agrarpolitik geben.

Von Josef Harnischmacher

Hannover (afp) – In keinem anderen Bundesland ist die Agrarwirtschaft auch nur annähernd so wichtig wie in Niedersachsen. Hier werden acht Millionen Schweine gehalten, mehr als es Einwohner gibt. Jedes zweite Stück Federvieh wird hier gemästet. Die Region Weser-Ems wird gerne als Deutschlands Fleischtopf bezeichnet. Seit Sonntag aber geht die Angst um unter den 60.000 Bauern: SPD und Grüne verhandeln über eine Koalition – und die Grünen haben schon klar gemacht, dass SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil ihre Stimmen nur bekommt, wenn es in der Agrarpolitik eine echte Wende gibt.

Auf die CDU-geführte Landesregierung konnten sich die Landwirte stets verlassen, auch wenn wieder mal Fernsehbilder von leidenden Tieren aus niedersächsischen Ställen für Empörung sorgten. Die Bauern sind christdemokratische Stammklientel; und es gab ja auch immer gute wirtschaftspolitische Argumente dafür, die Entwicklung sogar zu fördern: Nirgendwo sonst in Deutschland produzieren so viele Biogasanlagen Strom, die Veredelungswirtschaft vom Schlachthof bis zur vorgebratenen Frikadelle boomt und beschäftigt über 60.000 Menschen.

Die Landkreise Emsland, Cloppenburg und Vechta haben die mit weitem Abstand höchste Viehdichte – aber auch die niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Norddeutschland. Das Bauprivileg macht die ungehemmte Expansion möglich: Landwirte können im Außenbereich der Gemeinden die Mastanlagen praktisch ohne Einspruchsmöglichkeit für Kommunen und Landkreise aus dem Boden stampfen.

Die Kehrseite der Medaille: Die Nitratbelastung im Grund- und damit langfristig auch im Trinkwasser steigt, ist in 60 Prozent der Fläche in Niedersachsen zu hoch. Bauern behandeln ihre Tiere nicht nur bei Krankheit, sondern auch vorbeugend mit Antibiotika; damit steigt die Gefahr, dass Menschen durch Fleischverzehr immun werden gegen lebensrettende Medikamente.

Auf den riesigen Schlachthöfen vor allem in der Region Weser-Ems werden Leiharbeiter aus Osteuropa zu Hungerlöhnen beschäftigt. Naturschützer schlagen Alarm, weil Mais auch als Futter für die Biogasanlagen gebraucht wird und mittlerweile auf fast einem Drittel der Ackerflächen angebaut wird.

Jetzt aber bereiten sich SPD und Grüne auf die Regierungsübernahme vor, und die Grünen haben im Wahlkampf offensiv damit geworben, sie würden die Massentierhaltung nicht länger hinnehmen. Die Landkreise können künftig in ihrem Kampf gegen den Bau neuer riesiger Ställe auf Unterstützung rechnen. Großschlachthöfe sollen keine Zuschüsse aus der Landeskasse erhalten wie zuletzt der Fleischkonzern Rothkötter, der in Wietze bei Celle den größten Geflügelschlachthof Europas baute.

Der Bauernverband – in Niedersachsen Landvolk – ist schon Sturm gelaufen gegen einen Erlassentwurf der alten CDU-FDP-Regierung, den Fleischproduzenten wenigstens minimale Auflagen zu machen für die Abluft ihrer Ställe. Da hat Christian Meyer – agrarpolitischer Fachmann der Grünen-Landtagsfraktion und Mitglied der grünen Verhandlungskommission mit der SPD in Sachen Koalitionsvertrag – noch ganz andere Ideen: „Der Stallbauboom muss gestoppt und die Gülleseen müssen ausgetrocknet werden.“

Meyer hat auch deshalb Oberwasser, weil den Grünen nach Einschätzung der Demoskopen bei der Landtagswahl die höchste agrarpolitische Kompetenz zugewiesen worden ist. Sie haben gepunktet mit ihrem Frontalangriff auf die konventionelle Landwirtschaft. Es ist nicht ohne Ironie, dass den Bauern nichts anderes übrig bleibt, als auf die SPD zu hoffen, damit sich die Agrarwende rückwärts im Rahmen hält.

Ein Stoßgebet wird wenig helfen: Das Landvolk hat es sich auch noch mit der Evangelischen Landeskirche verdorben, weil der Verband seine Mitglieder aufgefordert hatte, Erntedank-Predigten mit „ungerechtfertigter und überzogener Kritik“ an der Massentierhaltung umgehend der Zentrale in Hannover zu melden. Der in Niedersachsen besonders kleine aber eifrige Konkurrent des Landvolks, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, zitierte daraufhin genüsslich die Bibel: „Sie haben alle einen Odem und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh.“

Kommentar

  • JA, ich habe auch die Grünen gewählt und das darf auch JEDER wissen, denn ich bin absolut GEGEN die Massentierhaltung und ich hoffe sehr, dass sich alle Veganer und Vegetarier dazu entschlossen haben dieses tatkräftig zu unterstützen! UND ich hoffe sehr, dass es in Zukunft immer mehr von uns geben wird! Ich bete jeden Abend dafür! Denn Tiere sind LEBEWESEN wie wir Menschen auch und sind auch Gottes Geschöpfe und wir versündigen uns wenn wir weiterhin diese quälen!

  • Klingt schonmal gut – aber warten wir´s erstmal ab… in der Politik ist allzu oft „gut klingen“ nicht genug.

  • Danke für den Artikel – hab ich gern gelesen 😉 Aber die Formulierung „Agrarwende rückwärts“ kann doch wohl nicht so gemeint sein wie es da steht? Es geht beim Abschied von der Massentierhaltung um eine gewaltige Rolle vorwärts – zum Wohle aller!

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