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Wenn der Professor für den Profit forscht: Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen sind umstritten

Am Donnerstag startete das Internetportal www.hochschulwatch.de, das den Blick auf fragwürdige Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft lenken will. Die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, die Berliner „tageszeitung“ und die Studentenvertretung fzs rufen auf der Seite dazu auf, Hinweise auf Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen zu geben.

Von Claudia Wessling

Berlin (afp) – Was in manchen Laboren der medizinischen Fakultät der Universität Köln erforscht wird, bestimmt auch die Bayer Pharma AG. Seit fünf Jahren sponsert der Konzern Projekte in der Augenheilkunde und bei der Erforschung von Krebs und Herzkrankheiten. Doch die Details der Forschungskooperation dürfen unter Verschluss bleiben, wie im Dezember das Verwaltungsgericht Köln urteilte. Bei knappen öffentlichen Kassen sind Hochschulen zunehmend auf spendable Geldgeber aus der Wirtschaft angewiesen – Kritiker fürchten deshalb um die Freiheit von Forschung und Lehre.

Am Donnerstag startete nun das Internetportal www.hochschulwatch.de, das den Blick auf fragwürdige Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft lenken will. Die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, die Berliner „tageszeitung“ und die Studentenvertretung fzs rufen auf der Seite dazu auf, Hinweise auf Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen zu geben.

Seit einigen Jahren müssen Forscher zur Finanzierung ihrer Projekte verstärkt um sogenannte Drittmittel kämpfen: Auf fast sechs Milliarden Euro verdoppelten sich von 2000 bis 2010 diese Gelder, die zum großen Teil noch von öffentlichen Trägern wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) kommen. Doch mit Zuschüssen von fast 1,3 Milliarden Euro trug im aktuellsten Erhebungsjahr 2010 auch die Privatwirtschaft erheblich dazu bei, dass Lehrstühle eingerichtet und Mitarbeiter eingestellt werden können.

Die unternehmerische Aktivität an den Hochschulen ist auch äußerlich nicht mehr zu übersehen: An der Fachhochschule Würzburg wurde ein auf Kosten von Aldi Süd renovierter Hörsaal nach der Supermarktkette benannt. Die Universität Mannheim benannte die neue Bibliothek nach dem Geldgeber Hasso Plattner. An der Uni Potsdam sponsert der SAP-Gründer sogar ein ganzes Informatik-Institut. Bundesweit werden derzeit rund 1000 Stiftungsprofessuren privat gefördert, Unternehmen tragen fast die Hälfte davon.

Für Aufregung sorgte im vergangenen Jahr eine Kooperation der Berliner Humboldt-Universität und der TU Berlin mit der Deutschen Bank: Das Geldhaus finanzierte seit 2006 mit jährlich drei Millionen Euro zwei Stiftungsprofessuren in der Finanzmathematik – und erhielt dafür dem Vernehmen nach weitgehende Rechte. Wenn die Professoren Interviews gaben, durfte die Bank mitreden. Mittlerweile ist das Projekt ausgelaufen.

Die Bedeutung von Finanzzuschüssen der Wirtschaft im akademischen Bereich werde künftig weiter zunehmen, schätzt der Sprecher des Deutschen Hochschulverbands, Matthias Jaroch. „Das ist eigentlich alternativlos, weil der Staat sein Engagement immer weiter runterfährt.“ Im Jahr 2017 etwa soll die staatliche Exzellenzinitiative enden, die herausragende Projekte mit rund 2,7 Milliarden Euro fördert.

Kritiker sehen die Entwicklung mit Sorge: Wissenschaftler, die mit Unternehmen kooperierten, müssten „natürlich Kompromisse machen, was ihre Forschungsziele angeht“, sagt Erik Marquardt vom „Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften“ (fzs). Firmen seien vor allem an kurzfristigen Resultaten interessiert, die Grundlagenforschung gerate ins Hintertreffen. „Da kommt doch das gesamte Prinzip von freier Forschung ins Wanken“, empört sich der Chemiestudent der Technischen Universität Berlin.

Das Bundesforschungsministerium verteidigt indes die Kooperationen und verweist auf die positiven Effekte eines Transfers von Wissen und Technologie zwischen Praxis und Forschung. Um die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre zu schützen, hat der Wissenschaftsrat – ein Beratergremium der Bundesregierung – 2011 einen Kodex formuliert. „Der Geldgeber nimmt später keinen Einfluss auf Forschung und Lehre und die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen“, heißt es darin.

Den Kritikern gehen diese unverbindlichen Leitlinien nicht weit genug. „Die Unis müssen offenlegen, woher die Mittel genau kommen“, sagt Hochschulverbandssprecher Jaroch. Klar sei, „dass es keine Auftragsforschung geben darf“.

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