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Was Unternehmen gegen Stress tun: „Die Führungskraft ist die wichtigste Arbeitsbedingung“

Welche Faktoren beeinflussen die Stressfaktoren der Mitarbeiter und wie weit lassen sich Arbeitsabläufe gestalten? Wenn Unternehmen die Stressbelastungen ihrer Mitarbeiter verringern wollen, sollten sie mit einer Gefährdungsanalyse beginnen. Manchmal überraschen die Ergebnisse solcher Analysen, sagt der Experte für nachhaltige Managementsysteme Oliver-Timo Henssler. Eine Polizeibehörde fand so heraus: Nicht die Einsätze oder die Autofahrten sind Hauptstressfaktor, sondern der Papierkram.

Bonn/Karlsruhe (csr-news) – Welche Faktoren beeinflussen die Stressfaktoren der Mitarbeiter und wie weit lassen sich Arbeitsabläufe gestalten? Wenn Unternehmen die Stressbelastungen ihrer Mitarbeiter verringern wollen, sollten sie mit einer Gefährdungsanalyse beginnen. Manchmal überraschen die Ergebnisse solcher Analysen, sagt der Experte für nachhaltige Managementsysteme Oliver-Timo Henssler. Der Geschäftsführer der EuPD Research Sustainable Management GmbH zeichnet für den Corporate Health Award verantwortlich, für den sich zuletzt 280 Unternehmen mit ihren Gesundheitsprogrammen bewarben.

Eine Polizeibehörde fand durch eine Gefährdungsanalyse heraus: Nicht die Einsätze oder die Autofahrten sind Hauptstressfaktor, sondern der Papierkram. 40 Prozent der am Corporate Health Award teilnehmenden Unternehmen führen noch keine Beurteilung zu psychischen Risikofaktoren durch, so Henssler. Ein IT-Unternehmen fand im Gespräch mit seinen Mitarbeitern heraus: „Der Chef ist die größte Stressbelastung.“ Die Firma setzt heute verstärkt auf Gruppenarbeit, die allerdings auch Stressfaktoren mit sich bringe.

„Führung ist eigentlich das größte Thema“, so Henssler zu den Ursachen von Stress am Arbeitsplatz. Nicht jeder fachlich versierte Mitarbeiter sei auch eine gute Führungskraft. Deshalb sei es folgerichtig, dass große Unternehmen heute auch reine Fachkräftekarrieren anböten – ohne Mitarbeiterverantwortung.

Es geht um die Unternehmenskultur

Der Energieanbieter EnBW hat bereits 2005 sein arbeitsmedizinisches Team um zwei als Psychotherapeuten zugelassene Psychologen erweitert. Beschleunigte Arbeitsabläufe, eine wachsende Informationsflut und die zunehmende Transparenz und Kontrollierbarkeit der Mitarbeiter nimmt der Arbeitsmediziner Lothar Zell als Belastungsfaktoren wahr. Und auch er verweist auf die Verantwortung des Managements für die Vermeidung von Stress. „Die Führungskraft ist die wichtigste Arbeitsbedingung“ und das Führungsverhalten ein zentrales Element der Unternehmenskultur, sagt Zell. Zur Vermeidung krankheitsauslösender Stressbedingungen müssten Unternehmen an ihrer Kultur arbeiten. Bei der EnBW gehört dazu eine zehn Punkte umfassende Selbstverpflichtungserklärung der Führungskräfte. Darin verpflichten sie sich, auf die beruflichen und privaten Belastungssituationen ihrer Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen. Wie gut die Gesundheitsprävention gelingt, erhebt die EnBW alle zwei Jahre in einer konzernweiten Mitarbeiterbefragung. Konsequenzen daraus werden dann standortbezogen diskutiert.

Stress am Arbeitsplatz ist nach der Erfahrung des Arbeitsmediziners kein altersspezifisches Problem. Zell dazu: „Zu uns kommen 57-Jährige ebenso wie ihre 23-jährigen Kollegen.“ Insgesamt beklagen 43 Prozent der Arbeitnehmer, dass Stress und Arbeitsdruck für sie zugenommen haben, heißt es in dem am Dienstag vorgestellten „Stressreport 2012“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

CSR NEWS hat Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber danach gefragt, welche Maßnahmen zur Stressprävention sie ihren Mitarbeitern bieten. Einige Beispiele:

  • Die HypoVereinsbank reagierte 2010 mit dem Projekt „Healthy Company“ auf zunehmende Belastungen, Stress und Burn-Out ihrer Mitarbeiter. Das Programm fördert den achtsamen Umgang der Mitarbeiter mit sich selbst und ihren Kollegen sowie ein erweitertes Gesundheitsbewusstsein.
  • Die Universitätsmedizin Mannheim setzt für die hoch stressbelasteten Berufsgruppen der Ärzte und Pflegekräfte neben der Optimierung von Arbeitsabläufen auf interne Angebote wie Feldenkraiskurse und auf Vergünstigungen für die Teilnahme an externen Kursen zur Entspannung und Stressbewältigung des Tao Zentrums Mannheim.
  • Die Deutsche Börse begegnet Stressfaktoren im Rahmen ihrer Job, Life & Family-Initiative, zu der u.a. ergonomische Schreibtischstühlen, eine Auswahl an gesundem Essen im Betriebsrestaurant sowie Workshops und Trainings – z.B. zum Stressmanagement – gehören.
  • Die Otto Group erstellt auf Basis einer anonymen Mitarbeiter-Befragung jährlich einen wissenschaftlich gestützten „Gesundheitsindex“ für die gesamte Belegschaft. Führungskräfte werden in einem Seminar zum Thema „Wenn Belastung krank macht – Burn-Out vorbeugen, Suchterkrankungen erkennen“ geschult. Und in der vergangenen Woche war der Kieler Schlafforscher Prof. Josef Aldenhoff mit einem Vortrag zum Thema „Welche Ursachen haben Schlafstörungen?“ bei Otto zu Gast.
  • Die Handelskette KiK bietet ihren Mitarbeitern Work-Life-Balance-Seminare, Autogenes Training und seit 2012 eine mobile Massage.
  • Wer Weiterbildungsangebote sucht, kann in Winterthur fündig werden: Die ZHAW School of Management and Law veranstaltet im Juni eine Tagung zum Thema „Krankheit im Arbeitsverhältnis“.

>> Hier lesen Sie mehr über den „Stressreport 2012“

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