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Tierschutz braucht mehr Regulierung: SPD-Europaabgeordneter Ismail Ertug im Interview

„Schlachttiere dürfen künftig nicht mehr unter schlimmsten Bedingungen quer durch Europa gekarrt werden“, fordert Ismail Ertug, SPD-Europaabgeordneter für die Oberpfalz und Niederbayern, der das Anliegen des Tierschutzes auf europäischer Ebene verfolgt. CSR NEWS sprach mit ihm über die Rolle Europas bei der Regulierung der Landwirtschaft.

Brüssel (csr-news) – „Schlachttiere dürfen künftig nicht mehr unter schlimmsten Bedingungen quer durch Europa gekarrt werden“, fordert Ismail Ertug, SPD-Europaabgeordneter für die Oberpfalz und Niederbayern. Als Mitglied im Ausschuss „Verkehr und Tourismus“ sowie als stellvertretendes Mitglied im Landwirtschaftsausschuss verfolgt er Anliegen des Tierschutzes auf europäischer Ebene. CSR NEWS sprach mit ihm über die Rolle Europas bei der Regulierung der Landwirtschaft. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

Herr Ertug, welche drängenden Tierschutzanliegen beschäftigen Sie neben den Tiertransporten?

Ismail Ertug: Da ist die Käfighaltung von Legehennen. Die Abschaffung der Käfighaltung hat die Europäische Union bereits im Jahr 2000 beschlossen und eine zwölfjährige Übergangsfrist gewährt. Heute zeigt sich: Zehn Mitgliedsstaaten halten sich nicht an das Verbot und ich hoffe, die Kommission wird ein Verfahren gegen diese Staaten vor dem Europäischen Gerichtshof einleiten. Was die seit 2004 geltenden Kennzeichnungsregeln für Eier betrifft: Ein großer Teil der Eier fließt beispielsweise in Backwaren oder in die Nudelherstellung und der Verbraucher erfährt nicht, aus welcher Haltungsform diese Eier stammen.

Ein weiteres Thema ist die Kastration männlicher Ferkel, die häufig ohne Betäubung vorgenommen wird. So soll der Ebergeruch des Fleisches vermieden werden, aber den Tieren werden starke Schmerzen zugefügt. Die Leitlinien der EU hierzu finden bisher kaum Beachtung. Oder ich denke an die trotz EU-Verbot praktizierte Lebendrupf von Gänsen: Mache Oberbettenhersteller kaufen immer noch solche Daunen, die den Tieren bei vollem Bewusstsein vom Leib gerissen werden. In all diesen hier angesprochenen Bereichen gibt es Vorschläge der EU dazu, wie der Tierschutz zur Geltung gebracht werden kann. Ein Problem bleibt: Manche Staaten halten sich nicht an die Regelungen, denen sie auf europäischer Ebene zugestimmt haben.

Wie stehen landwirtschaftliche Unternehmensverbänden zu den europäischen Forderungen nach mehr Tierschutz?

Deren Reaktionen sind unterschiedlich: Es gibt die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, deren Mitgliedern das nachhaltiges Wirtschaften voranbringen wollen und die dem Thema Tierschutz offen gegenüber stehen. Und auch der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter weiß, dass eine gut gehaltene Milchkuh eine um 30 Prozent bessere Performance bringt.

Dagegen hat sich der Deutsche Bauernverband von den Interessen der kleinen Bauern abgewandt und der industriellen und exzessiven Landwirtschaft zugewandt. Dort geht es nicht mehr zuerst um die Ernährung der Menschen hier vor Ort, sondern um die Konkurrenzfähigkeit landwirtschaftlicher Produkte aus Deutschland auf dem Weltmarkt.

Hier setzt eine Kritik an der EU an, nämlich dass immer mehr Regeln europäische Produkte auf dem Weltmarkt ins Hintertreffen bringen.

Dabei stellt sich doch eine Grundsatzfrage: Wollen wir mit landwirtschaftlichen Produkten überhaupt auf die Weltmärkte? Zum einen verhindern unsere Exporte in manchen Ländern die so wichtige Entwicklung der eigenen Landwirtschaft. Zum anderen ist die Landwirtschaft kein Sektor, in dem wir auf lange Sicht im globalen Maßstab mithalten können. Andere Staaten und Staatengemeinschaften werden unsere europäischen Standards immer unterbieten und die Diskussion wird nie aufhören. Die Alternative ist doch, dass wir mit höherer Qualität für die Menschen vor Ort produzieren.

In der öffentlichen Diskussion wird der EU „Regularismus“ vorgeworfen. Ist der Tierschutz nicht ein Beispiel für Bereiche, die Einzelstaaten effektiver selbst lösen könnten?

Ich bin ein großer Fan des Subsidiaritätsprinzips und sage: Was vor Ort geregelt werden kann, das sollte auch vor Ort geregelt werden. Aber ich bin auch Mitglied im Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments und habe die vielen grenzüberschreitenden Tiertransporte vor Augen. Es gibt EU-Regelungen, bei denen man sich an den Kopf fasst. Aber der Tierschutz ist ein Bereich, der definitiv auf europäischer Ebene reguliert werden muss. Nur die Europäische Kommission besitzt eine ‚Vogelperspektive‘, wenn es etwa um die Realität der vielen grenzüberschreitenden Tiertransporte geht, die häufig immer noch zu lange dauern und unter mangelhaften Bedingungen erfolgen. Da bedarf es einer strengeren Regulierung durch die EU und deren konsequenter Umsetzung.

Vielen Dank für das Gespräch!